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[Sehr geehrte Damen und Herren,
nachfolgend erhalten Sie einen Bericht von Frau Schupetta ueber eine WDR TV-
Reportage ueber die Arbeit des in Bad Arolsen ansaessigen Internationalen
Suchdienstes (ITS), der seit laengerem national wie international kritisch
bewertet wird. Der Bericht gibt zunaechst eine knappe Zusammenfasung der
Sendung und endet mit Bemerkungen zu den Folgen der konstatierten Defizite
u.a. auch fuer die zeithistorische Forschung.
R. Hohls]
Date: Mon, 18 Oct 1999 17:20:35 -0700
From: "Ingrid Schupetta" <saa30sc@unidui.uni-duisburg.de>
Subject: Bericht: Rotes Kreuz behindert Entschaedigung von Zwangsarbeitern
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Rotes Kreuz behindert Entschaedigung von Zwangsarbeitern
Das Internationale Rote Kreuz behindert die Entschaedigung von
Zwangsarbeitern, so das Fazit eines Filmes von Wilfried Huismann und Monika
von Behr, der unter dem Titel "Gesucht wird - Biedermanns Reich. Der
Internationale Suchdienst und die NS-Opfer" (WDR 1999, ca. 45 min.) am
Mittwoch, dem 22. September 1999 zu spaeter Stunde im ARD-Programm gesendet
wurde. Diese Feststellung ist so ungeheuerlich, dass sie unbedingt weiter
verbreitet werden sollte. Zum Inhalt des Films:
Die Filmemacher Huismann und von Behr stellen den Internationalen Suchdienst
(ITS) in Bad Arolsen vor. Der ITS ist eine Institution des Roten Kreuzes, der
nach dem Zweiten Weltkrieg gegruendet wurde, um den Opfern des
Nationalsozialismus zu helfen. Die Einrichtung wird von der Bundesregierung
in Deutschland mit 27 Millionen DM im Jahr unterstuetzt. Der von der Zentrale
des Internationalen Roten Kreuzes in Genf eingesetzte Direktor Charles
Biedermann (sic!) leitet die Behoerde mit 400 Mitarbeitern seit 16 Jahren.
Als Delegierter vom Roten Kreuz geniesst er Diplomatenstatus.
Unter den Mitarbeitern, die taeglich mit historischen Dokumenten umgehen,
gibt es keine Archivare und Historiker. Dies ist besonders erstaunlich vor
dem Hintergrund, das der ITS Arolsen faktisch das groesste Archiv zum
Terrorapparat des NS-Regimes ueberhaupt ist. Der ITS bekam von den Alliierten
saemtliches in den Konzentrationslagern vorgefundenes Material, darunter die
Haeftlingskarteien von Dachau und den kompletten Inhalt der Effektenkammer
von Buchenwald (inkl. aller Sachzeugnisse). Arolsen bewahrt ausserdem
Deportationslisten, Gestapo-Akten, Versicherungsunterlagen und Unterlagen von
Meldeaemtern auf. Einen genaueren Ueberblick kann man nicht gewinnen, da es
kein Bestandsverzeichnis gibt. Sicher ist, dass der ITS 46 Millionen
Karteikarten lagert, die sich auf 16 Millionen NS-Opfer beziehen.
Diese Unterlagen sollten eigentlich dazu dienen, den Opfern schnell und
unbuerokratisch Auskunft und Bestaetigungen ueber Zeiten in Lagern und
Zwangsarbeit zu geben, die sie fuer Entschaedigungen und Rente zwingend
benoetigen. Die Filmemacher stiessen allerdings bei ihren Recherchen auf
unglaubliche Verhaeltnisse. Im ITS lagern bergeweise unbeantwortete Anfragen,
im Film allen ernstes als "Fallstau", hinter vorgehaltener Hand auch als
"Reserve" respektive "Arbeitsvorrat" bezeichnet. Bearbeitungszeiten von fuenf
bis sieben Jahren fuer einfache Auskuenfte scheinen keine Seltenheit zu sein.
Welche Auswirkungen dieses Arbeits"tempo" fuer die Betroffenen hat, zeigen
die Filmemacher an dem Schicksal von drei NS-Opfern, dem ehemaligen
Zwangsarbeiter Stanislaw Bajwoluk, dem ehemaligen Haeftling im Gestapo-
Gefaengnis Bromberg Wladislaw Ollainiszeck und dem ehemaligen KZ-Haeftling
Andre Burzawa. Unvollstaendige Bearbeitung der Anfragen durch den ITS und
schlichte Schlamperei fuehrten dazu, dass Stanislaw Bajwoluk seine mickrige
Rente von umgerechnet 150 DM nicht um 50 DM aufgestockt bekam, Wladislaw
Ollainiszeck seine Ehre als Widerstandskaempfer beleidigt sah und Andre
Burzawa, trotz der Bestaetigung seiner Haftzeit durch die Gedenkstaette
Dachau keinen Antrag beim Deutsch-Polnischen Fonds stellen kann.
Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit fuehrt in Polen zu der Vermutung, dass
hinter der schleppenden Antragsbearbeitung Methode steckt. Die ehemalige
Direktorin des Amtes fuer die Entschaedigung von Zwangsarbeitern in Polen,
die Regierungsdirektorin Danuta Sowa, vermutet hinter der Verzoegerung
"deutsche Interessen". Versprochene Schnellverfahren fuer die Betroffenen
waeren verlorene Zeit". Charles Biedermann tituliert sie als "Scharlatan.
Auch der polnische Abgeordnete Dr. Miroslaw Podsiadlo wird in seinem
Kommentar sehr deutlich. Er gewann den Eindruck, dass die Verzoegerung
"vorsaetzlich und in destruktiver Absicht" erfolgt und das man in Arolsen so
weiter machen wolle bis in 23. Jahrhundert. Er geht noch einen Schritt
weiter, eine deutsch-polnische Versoehnung koenne es nicht mit Arolsen geben.
Konfrontiert mit diesen massiven Vorwuerfen muss der zustaendige Beamte des
Deutschen Bundesministers des Inneren, Regierungsdirektor Ferdinand Koesters
zugeben: "Wir haben Probleme." Den Eindruck, dass er sich forciert um eine
Loesung bemueht haette, vermittelt er in dem Film nicht. Anonymen Hinweisen
auf Missstaende ginge er prinzipiell nicht nach. Namentliche Beschwerden sind
von ihm nach Aussagen einer ehemaligen Mitarbeiterin des ITS direkt auf dem
Schreibtisch von Charles Biedermann weitergegeben worden, trotz
ausdruecklicher Bitte um Vertraulichkeit.
Eine Marginalie ist in diesem Kontext die Tatsache, dass die Arolsen-
Materialien seit den 70er Jahren fuer Staatsanwaelte und Forscher fast nicht
mehr zugaenglich sind. Nach internationalen Protesten gab es eine Mini-
Loesung: etwa 2 % des Gesamtbestandes koennen auf Antrag eingesehen werden.
Allerdings werden anscheinend nur Kopien vorgelegt, bei denen die Namen
beteiligter Firmen geschwaerzt wurden. Dr. Irmgard Seidel von der
Gedenkstaette Buchenwald hat
dafuer nur ein Wort: "Taeterschutz". Als Begruendung fuer die Schwaerzung des
Namens "Krupp" vor dem Zusatz "-Essen" sei ihr gesagt worden, das der ITS
auch weiterhin gut mit Firmenarchiven zusammenarbeiten wolle ...
S o w e i t d e r B e r i c h t.
Danach wird die Amtsfuehrung des ITS Arolsen zu einem internationalen
Problem, welches das Verhaeltnis der Bundesrepublik Deutschland zu den
oestlichen Nachbarn bereits belastet. Was wird nun werden, wenn die heute in
Amerika lebenden Opfer ihre gerade vereinbarten Ansprueche durch die Muehle
Arolsen schicken muessen, weil nur dort die notwendigen Belege lagern? Und
selbst wenn Auskuenfte kommen: wieso kann man bei so folgenschweren
Bescheiden keine Rechtsmittel einlegen?
Forschungsbehinderung durch den ITS Arolsen, damit muss sich jede
Gedenkstaette, jede Regionalgeschichtlerin, jeder Regionalgeschichtler
herumschlagen. Bei der Quellenangabe "ITS Arolsen", wie sie in
Veroeffentlichungen aus der Vor-Biedermannn-Zeit noch vorkommt, endet derzeit
die Hoffnung, weiterzukommen. Ungereimtheiten aus dem Gedenkbuch der
Bundesrepublik beispielsweise haben u.a. die Quelle Arolsen. Auf welcher
Basis sie zustande gekommen sind, kann kein Wissenschaftler pruefen. Was das
bedeutet, kann nur ermessen, wer in Kontakt zu Familienangehoerigen steht,
die bis heute keine Gewissheit ueber das Schicksal von Verwandten haben. Da
macht es schon einen Unterschied, ob die Grossmutter bei Minsk erschossen
oder in Treblinka vergast worden ist.
Die Liste ist daran interessiert, konkrete Faelle von Forschungsbehinderung
zu sammeln, um einen Ueberblick ueber das Ausmass der Katastrophe Arolsen zu
bekommen. Denn, wie schon anfangs ausgefuehrt: Arolsen ist das groesste
Archiv zur Geschichte des NS-Terrorapparates.
Aber es waeren auch politische Konsequenzen zu ziehen. Die Organisationsform
des ITS Arolsen ist ein Anachronismus. Die absurden Zustaende koennen nur die
durch die Verselbststaendigung einer Buerokratie ohne demokratische Kontrolle
erklaert werden. Wenn abzusehen ist, dass die Opfer bald alle tot sein
werden, ist auch das Ende des Suchdienstes absehbar. Die Schaffung einer
"Fallreserve" waere damit behoerdenimmanent sogar logisch, da sie den
Fortbestand der Behoerde fuer das naechste Jahrzehnt noch garantiert - bis
den ITS leitende Mitarbeiter verrentungsfaehig sind. Anscheinend wird die
Effektivitaet der Organisation nicht einmal durch eine halbwegs neutrale
Rechnungspruefung hinterfragt. Die Konstruktion Rotes Kreuz - also letztlich
ein privater Verein - als Traeger und Bundesrepublik als stummer Geldgeber
stammt offensichtlich noch aus der Zeit, als an dem ernsthaften Anliegen der
Deutschen, den Opfern zu helfen, ein berechtigter Zweifel bestand. Nach
fuenfzig Jahren sollten diese Bedenken widerlegt sein.
Fuer den Suchdienst in Arolsen sollte - analog zur Zentralstelle in
Ludwigsburg - eine Loesung gefunden werden, die ihn in eine Bundesbehoerde
ueberfuehrt. Diese sollte gleichzeitig die Betreuung der Opfer optimieren und
die Perspektive in der Funktion als historisches Archiv sehen. Am mangelnden
Geld kann es diesmal nicht liegen.
Dr. Ingrid Schupetta
NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld
Postfach 2740
47727 Krefeld
Email: <ns-dok@krefeld.de>
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