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Datum: Sun, 28 Jan 2001 11:44:43 +0100
Von: Armin Triebel <atriebel@zedat.fu-berlin.de>
Organisation: Freie Universitaet
Betreff: Landesarchiv Berlin
Der Stand der Dinge beim Landesarchiv Berlin.
Im November letzten Jahres ging eine Tartarenmeldung ueber H-Soz-u-Kult:
++++ Das Landesarchiv Berlin schliesst bis Ende 2001 ++++
Diese unerhoerte Massnahme der Berliner Kulturverwaltung hatte starke
Resonanz im In- und Ausland. Es gehoert sich, dass ein Zwischenbericht
ueber den Stand der Dinge gegeben wird:
++++ Das Landesarchiv Berlin ist seit 31.12.2000 geschlossen ++++
Trotz dutzendfachen Protestes, aus dem Inland wie von ausserhalb der
Grenzen der Bundesrepublik, von Privatpersonen wie von Institutionen,
trotz Benutzerinitiative und vielfachen Kontakten zu Presse, Rundfunk
und Fernsehen - am 29. Dezember 2000 war fuer die Historiker der bis auf
weiteres letzte Arbeitstag im Landesarchiv. Die Berliner Senatsverwaltung
ist bei ihrer Linie geblieben - unbeugsam, beinhart, unbestechlich, wie wir
uns die Buerokratie wuenschen; - arrogant, ignorant und inkompetent, wie
wir die Senatsverwaltung fuer Kultur in den vergangenen Monaten
kennengelernt haben.
Die Namen der Verdaechtigen sind bekannt: allen voran Dr. Christoph
Stoelzl, der einmal eine Ausbildung als Historiker genossen hat und dem die
Benutzerinitiative - in Abwesenheit - am 11. Dez. 2000 fuer seine
Verdienste um die erfolgreiche Behinderung der Forschung in Berlin den
"Doktor der Unehre" verliehen hat. Die entsprechende Urkunde und ein
Doktorhut in Schwarz mit Narrenschelle wurden unter Verlesung einer
Anklageschrift seinem Bueroleiter, Dirk Kroegel, und der fuer das
Landesarchiv zustaendigen Referentin, Liane Rybczcyk, ausgehaendigt. Die
Berliner Medien haben berichtet.
Die anschliessende Diskussion war nicht ohne dramatische und rhetorische
Hoehepunkte. Das komoediantische Vorspiel lieferte Frau Rybczcyk, als sie
angesichts einer auf sie gerichteten Fotokamera blitzschnell die Arme vor
das Gesicht kreuzte und mit dem Ausruf, sie sei nicht verantwortlich, zur
Flucht in die dunkelste Ecke des Raumes ansetzte. Herr Kroegel hielt sich
dagegen mit mildem Laecheln stets ueber der Situation. Der rhetorische
Gipfel, den er erreichte, bestand darin, die versammelten Benutzer um
Verstaendnis fuer die bemitleidenswerte Verwaltung zu bitten. Die habe es
in den Wochen zuvor doch wirklich nicht leicht gehabt; sie sei ein wahres
Opfer des boesen Vermieters. Einen Lacherfolg setzte dann wiederum Frau
Rybczcyk drauf, als sie nachkartete, man sei mit dem Landesarchiv in
ununterbrochenem telefonischem Kontakt; trotz dieser engen Verbindung
zeigte sie sich indes uninformiert, was z.B. die Oeffnungszeiten des
Landesarchivs anging. Hier konnten die Benutzer sie aufklaeren.
Das Ergebnis dieses Besuchs beim Kultursenator bestand darin, dass Herr
Kroegel zu einer Sitzung zwischen Senatsverwaltung und Archivleitung unter
Hinzuziehung von Benutzervertretern einlud. Diese Sitzung fand am 18.
Dezember statt und hatte zum Ergebnis: halbierte Preise fuer das Kopieren
von Archivunterlagen und das Ehrenwort des Senators (Ehrenworte stehen bei
deutschen Politikern hoch im Kurs!), sich dafuer einzusetzen, dass der
Lesesaal am neuen Standort bereits am 1. Juli fuer die Projekte, die unter
Zeitdruck stehen, geoeffnet sein wird. Hoffen wir, dass das Wetter und die
Bauarbeiter dem Herrn Senator bei der Einloesung seines geschaetzten
Ehrenwortes behilflich sein werden. Von den uebrigen Verantwortlichen, dem
Staatssekretaer Dr. Josef Lange, dem Herrn Dr. Ulrich Klopsch, der sich in
den ersten Wochen mehrfach durch besondere Unfreundlichkeit am Telefon
hervorgetan hatte, und dem Abteilungsleiter fuer die Berliner Archive, dem
Herrn Klemke, hoerte man nichts.
Vom Berliner Landgericht, vor dem am 22.12. die Raeumungsklage gegen die
Senatsverwaltung verhandelt wurde, hoerte man allerdings einen
Paukenschlag. In kurzer Verhandlung und mit einem verstaendnislosen
Kopfschuetteln ueber so viel unter Beweis gestellte administrative
Inkompetenz wurde die Senatsverwaltung zur Raeumung verurteilt - sofort und
ohne Wenn und Aber zum 1.1.2001 und ohne Vergleichsverhandlungen oder
Moratorium. Das hielt die pp. Rybczcyk aber nicht davon ab, vor laufender
Kamera zu Protokoll zu geben, die Verwaltung und vor allem sie habe sich
keinerlei Fehler vorzuwerfen - wie gesagt: unbeugsam, beinhart, unbeirrbar.
Wer's gesehen hat: Berliner Abendschau. Allen Auswaertigen seien die
Artikel von Mechthild Kuepper in der FAZ empfohlen, wo die Ereignisse klar
dargestellt und klarsichtig kommentiert sind (18.12.2000, S.BS1 und am
23.12.2000, ebenfalls auf den "Berliner Seiten").
Jetzt stehen die Nutzer draussen und manche ganz schoen im Regen. Die
Wissenschaft muss sich in den unabaenderlichen Lauf der Welt fuegen und
sich nach den Ratschluessen und Kurzschluessen der Buerokratie
einrichten.
Hier gewinnt der singulaere Vorfall eine systematische Bedeutung. Haben die
Historiker begriffen, dass ihnen hier eine Verwaltung gezeigt hat, was sie
von der Zunft haelt? Haben die Historiker, auch die, die diesmal nicht
direkt betroffen waren, denn begriffen, da hier ein grundlegendes Recht
verletzt worden ist, von dem vor langer Zeit unter anderen
gesellschaftlichen Vorzeichen sehr oft geredet wurde, naemlich das der
Freiheit von Forschung und Lehre? Wie soll man es eigentlich verstehen,
wenn jetzt Doktoranden geraten wird, sie sollten sich doch lieber ein
anderes Thema suchen, besonders wenn sie erst am Anfang ihrer Arbeit
stuenden. Wird die Wahl von Forschungsthemen jetzt von dem Geschick eines
Beamten, ueber einen Mietvertrag zu verhandeln, abhaengig gemacht? Kann man
den Ratschlag ernst nehmen, der Wissenschaftler solle den Schaden, der ihm
entstanden ist, doch "einfach" auf dem Weg der Schadensersatzklage geltend
machen? Preisfrage: Was tun mit einer Buerokratie, die ein Problem und
eigene Fehler einfach aussitzt? Keine Briefe beantwortet, unzugaenglich ist
fuer jede Art von Protest, jede Beschwerde ablaufen laesst wie an einer
Oelhaut? Stoesst die repraesentative Demokratie vor den Zimmertueren der
Verwaltungsbeamten an ihre Grenzen?
Zunaechst steht an, allen, die sich fuer die Sache interessiert
gezeigt haben, die sich engagiert haben, die die unmittelbar vor Ort
Betroffenen unterstuetzt haben, zu danken, zu danken auch den Berliner
Zeitungen, die sachgerecht, ausfuehrlich und in engem Kontakt mit den
Archivnutzern wiederholt berichtet haben: TAZ, Tagesspiegel, Berliner
Zeitung und Berliner Morgenpost, nicht zuletzt die FAZ und ihren
"Berliner Seiten".
Die Benutzerinitiative vergisst nicht. Sie haelt mit den Kolleginnen und
Kollegen Kontakt, die sich in die e-mail-Liste im Arbeitssaal eingetragen
haben und wird beobachten, ob sich am 1. Juli die Tueren in Reinickendorf
oeffnen.
++++++++ Text: A.Triebel Jan. 2001 +++++++++++++
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