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Matthias Ohm: Das Braunschweiger Altstadtrathaus. Funktion - Baugeschichte -
figürlicher Schmuck, Hannover: Hahnsche Buchhandlung, 2002 [Braunschweiger
Werkstücke, Reihe A: Veröffentlichungen aus dem Stadtarchiv und der
Stadtbibliothek Bd. 49; der ganzen Reihe Bd. 106]. 168 S., 8 Abb. u. Pläne,
ISBN 3-7752-8800-7, EUR 13,50.
Rezensiert für H-Museum und Virtual Library Museen von
Dr. Mechthild Minkenberg, Historisches Seminar der Universität zu Köln
E-mail: mechthild.minkenberg@nexgo.de
In seiner Göttinger Dissertation untersucht Matthias Ohm die Geschichte,
Funktion und Baugeschichte des Braunschweiger Altstadtrathauses.
Vergleichend zieht er weiter vier Rathäuser aus der Weichbild Braunschweigs
hinzu. Die Grundlage dieser Arbeit bilden zumeist ungedruckte Quellen, dabei
stützt sich Ohm sowohl auf die klassischen historischen Quellen wie etwa
Urkunden, Rechnungen, Testamente, Zinsbücher, Gerichtsbücher etc. sowie auf
mehr bauhistorisch-kunsthistorische Quellen also Baupläne, Bauzeichnungen
und Gemälde. In dieser Verbindung liegt auch der gelungene Ansatz der
Dissertation von Ohm, den er stringent durchhält. Ohm kann überzeugend
zeigen, wie sich Funktion und Geschichte eines Rathauses am Beispiel des
Braunschweiger Altsstadtrathauses innerhalb der städtischen Entwicklung mit
der Baugeschichte und dem Figurenschmuck in Übereinstimmung bringen lassen,
indem er aus dem einem Fachgebiet für das andere sich ergänzende und
gegenseitig stützende Erkenntnisse gewinnen konnte.
Nach einem Forschungsüberblick stellt Ohm zunächst grundsätzlich, dann
im Vergleich mit insbesondere norddeutschen Rathäusern und schließlich am
konkreten Beispiel Braunschweig einen historischen Überblick sowie die
Funktion des Rathauses dar. Er untersucht im Wesentlichen den Zeittraum vom
13. bis 17. Jahrhundert, blickt aber in einem Kapitel auch auf die Situation
im 19. und 20. Jahrhundert (Restaurierung und Wiederaufbau, S. 108-111).
Dabei wird deutlich, daß für die Zeit bis zum 16. Jahrhundert die zunächst
zu konsultierende Quellengrundlage Urkunden, Rechnungen, Stadtbücher etc.
waren, seit dem 16. und dann vor allem seit dem 17. Jahrhundert auch
Bildquellen, Pläne etc. hinzutreten.
Braunschweig entwickelte sich seit dem 12. Jahrhundert zur Stadt, wobei Ohm
als Besonderheit hervorhebt, daß sich diese Entwicklung vor allem im
Hinblick auf die Befreiung vom Stadtherrn, dem welfischen Herzogshaus, im
Gegensatz zu anderen Städten gewaltfrei vollzog. Seit etwa 1130 läßt sich in
Braunschweig neben einer Bürgerversammlung auch, als Vetreter der
Bürgerschaft ein sog. "Bürgerausschuss" (S. 15) vermutlich aus Kaufleuten
gebildet, nachweisen. Im Laufe des 13. Jahrhundert und dann zu Beginn des
14. Jahrhundert setzte sich der Ausschuß aus 10 bzw. 12 Mitgliedern
("consules") sowie 8 "jurati ad consilium" zusammen (S. 16). Seit 1376
(Braunschweiger Ordinar) werden die städtischen Strukturen klarer. Neben
vier Weichbildräten Braunschweigs entwickelte sich der Altstädter Rat zu
einem Gremium von 36 bzw. 37 Ratsherren, daneben trat als "Dachorganisation"
(S.18) der gemeine Rat, der sich aus den Vertretern der Weichbildräte
Braunschweigs zusammensetzten. Als eigentlicher Entscheidungsträger entsteht
jedoch ein enger, kleiner Rat, in Braunschweig der sog. Küchenrat (S.19)
genannt, wobei für den Nicht-Braunschweiger Leser leider offenbleiben muß,
woher diese Bezeichnung stammt. Der Vorsitz oblag dem Bürgermeister. Die
Kompetenzen erweiterten sich bis zum 15. Jahrhundert soweit, daß der Rat
über die Münze, Marktrechte, Vogteirechte, Nieder- und Hochgerichtsbarkeit
verfügte und das Willkürrecht ausübte (S. 22-23).
Für die Ergebnisse seiner Studie war es wesentlich, daß sich Ohm, wie
geschehen, mit der Entwicklung der Brauschweiger Stadtgemeinde, seinem Rat
und dessen Funktionen ausführlicher beschäftigte, da sich wichtige
Rückschlüsse auf die Geschichte und bauliche Struktur des Hauses der Bürger
("domus civium" und "domus consulum", S. 24), also des Altstadtrathauses von
Braunschweig, ermitteln lassen. Die Arbeit des Rates vollzog sich im
Rathaus, dem Sitzungs- und Gerichtsort des Rates und dem Ort der
Verkündigung der Ratsentscheidungen, dem Symbol der Ratsherrschaft (S.
20-32).
Diese symbolische Bedeutung führte dazu, daß bei mehrfachen Aufständen der
immer wieder mit dem Rat unzufriedenen Braunschweiger Bevölkerung das
Rathaus erstürmt wurde (S. 33). Während der besonders schlimmen Unruhen im
Jahr 1374 wurde die Stadt Braunschweig sogar aus der Hanse ausgeschlossen
(S. 34). Diese Verhansung dauerte bis 1380, bis die öffentliche Ordnung
wiederhergestellt war. Der vertriebene Rat wurde zurückgeholt und in
Folge dieser Ereignisse bauten die Braunschweiger an das Rathaus eine
Sühnekapelle, die Auctorskapelle, die 1386 vollendet wurde (S. 34-41).
Daneben hatte das Braunschweiger Altstadtrathaus wie alle anderen vier
Weichbildrathäuser Kaufhausfunktion, im Erdgeschoß Läden befanden sich Läden
zum Verkauf von Waren (S. 41-45). Eine weitere wichtige Funktion des Rates
wurde im Braunschweiger Altstadtrathaus ausgeübt: die Finanzverwaltung, also
die Kontrolle über die Einnahmen - in Braunschweig "Schoß" genannt - sowie
die Ausgaben der Stadt (S. 46-49). Daran anschließend dienten einige Räume
des Rathauses auch als Archiv für die städischen Urkunden, Akten,
Rechnungsbücher, Testamente, etc. Neben Waffenkammer und Löschkammer (S.
53), befanden sich auch Gefängnisse im Keller des Altstadtrathauses (S. 59).
Schließlich war das Rathaus in Braunschweig auch der Ort der Festlichkeiten,
der Hochzeiten des städtischen Patriziates, der Feiern mit der welfischen
Herzogsfamilie (S. 61-70).
Erst mit dem Ende der städtischen Autonomie 1671, nach der Eroberung
Braunschweigs durch den welfischen Herzog Rudolf August verlor das Rathaus
diese originär städtisch-bürgerlichen Funktionen. Die neue Funktion des
Altstadtrathauses war nun vor allem Verkaufsort im Rahmen der durch den
Herzog neugegründeten Messen, die in Braunschweig seit 1681 zweimal jährlich
stattfanden (S. 82-84).
Nachdem Ohm die Entwicklung der Braunschweiger Stadtgemeinde und
dementsprechend dazu die Bedeutung und Funktion insbesondere des
Altstadtrathauses dargestellt hat, folgt in einem zweiten großen Teil seiner
Publikation die Untersuchung der Baugeschichte des Altstadtrathauses. Die
vorangegangene historische Analyse wird in Ohms Studie sehr klar gestützt
durch den bauhistorischen Befund und macht auch hier deutlich, wie sinnvoll
die Verbindung der beiden Disziplinen ist. Zunächst kann Ohm die
Entstehungszeit des ältesten Kernbaues nach den schriftlichen Quellen mit
Hilfe des Grabungsbefundes auf die Mitte des 13. Jahrhunderts wahrscheinlich
machen (S. 90). Über eine Bauzeit von etwa 750 Jahren hinweg entwickelte
sich das Braunschweiger Altstadtrathaus zu einem rechtwinklig angelegten,
doppelgeschossigen Flügelbau mit der Auctorskapelle sowie dem
Versammlungsraum des Rates, der "dornze" (S. 103) und weiteren Räumen, die
den Funktionen des Rates entsprachen (S. 93-107). Die Schaufront im Südosten
wurde im 15. Jahrhundert mit einem doppelgeschossigen Laubenvorbau
repräsentativ gestaltet, von deren Obergeschoß die städtischen Huldigungen
der herzoglichen Familie und Verkündigungen der Ratsbeschlüsse stattfanden
und in deren Erdgeschoß Waren zum Verkauf angeboten wurden (S. 104). Die
genannten Baumaßnahmen kann Ohm immer mit Hilfe des Baubefundes und der
schriftlichen Quellen, wie etwa der Rechnungsbücher, zeitlich recht genau
eingrenzen.
Zum Ende der bauhistorischen Darstellung geht Ohm noch auf den figürlichen
Schmuck und die farbliche Gestaltung des Rathauses ein (S. 119-139). Das
Altstadtrathaus verfügt über einen Figurenzyklus, der Herrscher sowie die
Herzöge aus dem Welfenhaus zeigt. Nach den erhaltenen Baurechnungen kann Ohm
die Anfertigung der Figuren zwischen 1456 und 1468 festmachen (S. 122-123).
Entgegen den bisherigen Interpretationen deutet Ohm die Anbringung der
Herrscher und Herzöge im Auftrag des Rates der Stadt Braunschweig
überzeugend damit, daß hier die Präsenz der Herrscher und Herzöge in der
Stadt demonstriert sowie die Erinnerung an die von ihnen für die Stadt
Braunschweig im Laufe der Jahrhunderte verliehenen Freiheitsrechte und
Privilegien in Art von Memorialbildern wach gehalten wurden (S. 126-127). An
ein Resüme, den Ausblick sowie einem Verzeichnis der benutzen Quellen und
einem ausführlichen Literaturverzeichnis, schließt sich ein instruktiver
Abbildungsteil an.
Mit seiner Studie über das Braunschweiger Altstadtrathaus hat Ohm gezeigt,
wie ertragreich die Verbindung von historischer Quellenanalyse und
bauhistorischer Untersuchung sein kann. Er weist mit seinen daraus gewonnen
Ergebnissen der weiteren Forschung die richtige Richtung.
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