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------------------------------------------------------ QUOBO - Kunst in Berlin 1989-1999 Waikato Museums of Art and History Waikato, Hamilton, New Zealand 9.12.2000 - 2.2.2002 http://www.ifa.de/a/a1/kunst/da1quobo.htm http://www.quobo.de Weitere Stationen: - 17. April - 22. Mai 2002 Sungkok Art Museum, Seoul, Korea - 21. September - 24. November 2002 (provisorischer Zeitrahmen) Metropolitan Museum of Modern Art Tokyo Tokyo, Japan Rezensiert fuer "Museum Professionals" und Virtual Library Museen von Norman P. Franke, M.A.,<franke@waikato.ac.nz> University of Waikato, Hamilton, Neuseeland -- Eine Fahrt in die Nacht. QUOBO in Hamilton Dabei hatte alles so gut angefangen: Hamilton, sonst haeufig uebergangen vom internationalen Kunstbetrieb, sollte diesmal mitnichten die kleinste der groesseren Staedte in Australasien sein. In ihr wuerde vielmehr auf Initiative des Ifa (Institut fuer Auslandsbeziehungen) und des Goethe-Instituts die groesste Kunstschau aus Deutschland gezeigt, die Neuseeland jemals gesehen hatte. Und so geschah es: "QUOBO", eine Ausstellung Berliner Kunst von 1989 bis 1999 - vom Mauerfall bis zum Bonner Regierungsumzug also - weilte vom 9.12. 2000 bis zum 2. 2. 2002 in den Hallen des Waikato Museums of Art and History, ihrem einzigen Schauplatz im Suedpazifik, bevor die deutsche Gegenwartskunst nach Seoul, Tokio und in die Metropolen der USA weiterzieht. Der Direktor des Wellingtoner Goethe-Instituts, Dr. Bretzler, ein freundlicher aktiver Mann, der die Ausstellung an Land gezogen hatte, sprach bei der Eroeffnung (8. 12. 2001) von der Grosszuegigkeit des deutschen Steuerzahlers und - augenzwinkernd - von dem Husarenstueckchen, den "Aussies" den Brocken vor der Nase weggeschnappt zu haben. Ob das fuer Sydney und Melbourne tatsaechlich ein so grosser Verlust war, werden wir gleich sehen. Auch Hamiltons Buergermeister Mr. Braithwaite, angetan mit seiner goldenen Amtskette, erwies der Ausstellung seine Referenz. Der gutmuetige Mann in den Sechzigern ging in seinen Eroeffnungsworten generationsbedingt auf das Thema Voelkerverstaendigung ein, und sein Verstaendnis der und des Deutschen war offensichtlich gepraegt durch eine Bewunderung fuers Beharrliche und fuer Qualitaet. Selten hat sich ein Buergermeister aus so wohlwollenden Motiven so gruendlich getaeuscht, vermutlich hatte er vor seiner Ansprache auch die Kunstobjekte noch gar nicht gesehen; die ready mades, Installationen und Materialcollagen der "QUOBO"-Ausstellung lassen nicht einmal einen Anflug von Gediegenheitund und Kunstfertigkeit erkennen - erst recht keinen Schoenheitssinn. Sollten sie nach den Worten der aus dem Berliner "Hamburger Bahnhof" eigens zur Ausstellungseroeffnung eingeflogenen Kuratorin Gabriele Knappstein auch gar nicht. Denn bekanntlich geht es bei postmodernen Installationen nicht um aesthetische Qualitaeten oder Ansprueche. Und freilich auch nicht um politische oder soziale Bedeutung. Schoenheit hin, Bedeutung her: Schliesslich weiss man, dass die Postmoderne mit dem Menschen, der Geschichte und der Onto-Theologie gruendlich aufgeraeumt hat. Aber ein bisschen Vergnuegen und das kreative Spiel mit Diskursen und der Selbstsorge darf schon noch sein. Und so handele es sich, wie schon allein das selbstreferentielle Kunstwort "QUOBO" andeute, um eine Herausforderung und ein Spiel. Den Namen der Austellung habe der Wortkuenstler Adib Fricke (alias The Word Compagny) beigesteuert und in allen einschlaegigen Woerterbuechern daraufhin abgeklopft, dass er keinerlei bekannte Bedeutung habe. Herausforderung und Spiel - schoen waere gewesen. Denn in Hamilton braucht man eine deutsche Image-Kampagne, eine kuenstlerische, gut didaktisierte, und vielleicht sogar ausnahmsweise eher spielerische Selbstdarstellung aus der neuen Hauptstadt der Deutschen noetiger als jemals zuvor und vielleicht auch noetiger als anderswo. Bleibt die drittgroesste Stadt Neuseelands doch sonst allzuhaeufig von europaeischen Kulturereignissen ausgeschlossen. Und dies obwohl sich in Hamilton eine ganze Reihe kultureller und soziologischer Trends zumeist noch frueher als in den beiden wichtigsten urbanen Zentren, Wellington und Auckland, ankuendigen. Das liegt an der Demographik der Stadt am Waikato River, an der Tatsache, dass hier schlicht "middle New Zealand" ist. Weshalb das abnehmende studentische Interesse am Germanistikstudium in Hamilton alarmieren sollte - eine interessante Ausstellung haette freilich neues Interesse an deutscher Kultur wecken koennen. Aber es gibt noch einen aktuellen anderen Grund, der darin besteht, dass in Hamilton ein deutschstaemmiger Assoc. Professor einen deutschen Neonazi (Hans-Joachim Kupka, vgl. [1]) ein Doktorat ueber die "deutsche Sprache in Neuseeland" hat schreiben lassen wollen, ein Thema, das wegen der deutschsprachigen Juden und anderer Fluechtlinge aus Nazi-Deutschland eine unerhoerte Provokation darstellte. [2] Das Deutschland-Bild in der Waikato-Region wurde dadurch nachhaltig beschaedigt. In dieser unruehmlichen Affaere haben sich eine ganze Reihe hochdotierter Akademiker bis auf die Knochen blamiert, auch solche, die als Germanisten, Historiker und "Kulturwissenschaftler" ihre Broetchen mit Exilforschung, Mentalitaetsgeschichte und Faschismustheorien verdienen. Etliche Gruende also, eine gute Ausstellung aus Deutschland gerade nach Hamilton zu bringen. Doch worum handelt es sich bei "QUOBO"? Die ersten Reaktionen des Rezensenten bei der Begehung stellten sich auf Englisch ein: It's not clever and it's not funny- und auf Deutsch: Da ist ja ueberhaupt nichts dran (in Abwandlung des Zitats aus dem bekannten Andersen'schen Maerchen von des Kaisers neuen Kleidern). Um einem Missverstaendnis vorzubeugen: der Rezensent meint - in kritischer postmoderner Selbstreferenz und nicht ganz unbescheiden -, von sich behaupten zu duerfen, kein Kunstbanause zu sein, dessen Kunstverstaendnis etwa bei den Altmeistern oder der klassischen Moderne stehengeblieben ist, der also (post-) moderne Kunst aus Deutschland von Beuys, Janssen, Penck und Arnulf Rainer oder auch dem Griffelkuenstler Grass sehr wohl zu schaetzen weiss. Aber was in "QUOBO" geboten wurde, war schlicht und ergreifend langweilig und handwerklich auf unterstem Niveau. Man wusste schon vor dem Begehen der "QUOBO" Ausstellung, dass, wer ueber duenne Gipsplatten laeuft, einbrechen kann. Keine neuen sinnlichen Erfahrungen also in der Installation von Monica Bonvicini - und selbst die einbrechenden Honoratioren der Stadt wirkten nicht komisch, sondern eher bemitleidenswert. Auch ein Berliner Billardtisch, den man bespielen darf, ist nach seiner kostspieligen Verfrachtung in den Suedpazifik noch kein Kunstobjekt (eine "Idee" Maria Eichborns). Nicht einmal ein originelles Beispiel von Concept Art; denn das Gedankenspielchen, dass der Betrachterblick Alltagsgegenstaenden den Status von Kunstobjekten verleihen kann, hatte Marcel Duchamp mit seinen Flaschentrocknern schon vor drei Generationen besser gespielt. Ein serieller Schlag vor den traegen Kopf des buergerlichen Kunstverstaendnisses also, das immer noch daran Anstoss nimmt? Dann haette es auch ein Flaschentrockner anstatt eines Billiardtisches getan. Die drohstarrenden Berliner Alltagsgesichter einer Dia-Installation (Nina Fischer, Maroan el Sani) sieht jede Berlin Besucherin bereits bei ihrer Ankunft am Bahnhof Zoo. Und ein Camping-Zelt vor einer Bildtapete als Memento kleinbuergerlicher Spiessigkeit hat man, con variatione, auch schon hundertmal gesehen (aufgestellt von Laura Kikauka). Es ist so abgeleiert, dass hier die Parodie der Spiessigkeit schon wieder spiessig zu werden beginnt. Waere die "QUOBO"-Kunst insgesamt also als Realsatire lesbar? Dafuer ist sie zu irreal und nimmt sich selbst zu wichtig. Nun hatte die Kuratorin darauf hingewiesen, dass "QUOBO" ohne Berlin und seine Nachwende-Brachen gar nicht zu denken ist. Also doch ein Schlenker zurueck in eine historische und politisch-soziale Kontextualisierung des angeblich freischwebenden postmodernen Kunstgewerbes? Und recht hatte sie noch dazu: Es sind die Industrie- und Sozialbrachen, die von den Nazis vernichteten Raeume des frederizianischen Beamtenglacis und des juedischen Lebens im Scheunenviertel, die von den Flugbomben zerbrochenen Theater und Kirchen des buergerlichen und die Mietskasernen des proletarischen Berlin, in denen die "QUOBO"-happenings urspruenglich stattfanden. Die von den Ulbricht- und Honecker-Stalinisten nochmals mit Palazzo-Protzi-Baukunst und Neuanfangspathos geschaendeten urbanen Raeume der auch Anfang der neunziger Jahre mental noch geteilten Stadt, die brachiale KDW-Architektur der Westhaelfte hier nicht zu vergessen. Architektonische Ungeheuer aus der Zeit des Kalten Krieges, die heute teilweise abgetragen und von einer eigentuemlichen Mixtur aus amerikanischem Down-Town und Neoklassizismus beerbt worden sind. In dieser erweiterten "Topographie des Terror", in welcher einst der SS-Staat und der Kalte Krieg organisiert wurde, standen die Installationen und bewegten sich die dazugehoerigen "Szenen" mit ihren hybriden Gebaerden, die nun auch in der sterilen Aufstellung im Waikato Museum beziehungslos und doppelt deplaziert sind. Das letzte bisschen Vitalitaet und Spiel und staedtisches Getriebe, dem sich die pubertaeren Konstrukte der "QUOBO"-Kunst gelegentlich doch verdankten, sind getilgt. Denn selbst postmoderne Kunst kommt da, wo sie als (Raum-) Installation ortsgebunden ist, nicht ganz ohne soziale Kontexte und die Ausstrahlung ihrer Umgebung aus. Aber was fuer Spielchen waren das, die da in den ambulanten Freiraeumen zwischen ausgezogener DDR-Buerokratie und neuer Inbesitznahme durch internationale Wirtschaftbosse, Diplomaten und den Herrn Bundeskanzler persoenlich gespielt wurden? Kann man die Orte, an denen der Massenmord an den europaeischen Juden, an Homosexuellen und Behinderten organsiert wurde, als artistischen Spielplatz benutzen? In Berlin scheiterte die dekonstruktionistische Aesthetik praktisch auf ihrer ganzen Linie, auch wenn sie in ihrer Theorie teilweise dazu beigetragen haben mochte, die totalitaere Moderne auf die Diskurse ihrer Mittaeterschaft zu befragen. Und dennoch mussten vor allem die Ostberliner Kuenstler-Kids dort installieren und diskutieren und feiern und saufen und eine Art Neuanfang und Anschluss an den Westen (an den westlichen Kunstbetrieb) versuchen, denn es gab keinen anderen Ort und keine andere Zeit fuer sie, keinen Ort, nirgends. Nicht wenige dieser Kuenstler hatten in dem unuebersichtlichen alt-proletarischen "Kiez" des Prenzlauer Berges Provokation zuvor schon ein wenig geuebt. Mit ihren spaet-dadaistischen Spaessen liess es sich leichter in der Hauptstadt des Roten Preussens leben und das geistige Hausmeistertum der deutsch-stalinistischen Funktionaersclique konnte man mit den alten Tricks immer noch hinter dem Ofen hervorlocken. Und dennoch hatte Wolf Biermann recht, der darauf hinwies, dass ein guter Teil des freakigen, spaeter als "Widerstand" gegen die Normativitaet der Planwirtschaft und die Kunstdoktrin des "Sozialistischen Realismus" stilisierten kuenstlerischen Wildwuchses Ost doch nur eine Schrebergartenidylle der Geheimpolizei Stasi war, die hier - wie ueberall - ihre Spitzel plaziert und wichtige Intellektuelle (Sascha Anderson, Heiner Mueller) gedungen hatte und ihrerseits sogar schon ein wenig Einuebung in repressive Toleranz versuchte. Hier sei ein Zwischenspiel erlaubt: Ein Besucher der Ausstellungseroeffnung, der schon manches geahnt haben mag, zog aus seinem Rock gelegentlich eine tieftoenende train whistle hervor und entlockte ihr jenen bittersuessen Ton, ohne den keine Kunst ist. Er mochte ihn einmal in einer ostdeutschen "Platte" gehoert haben, wenn dort die Nachtzuege nach Warschau, Paris oder Prag vorbeirollten. Dort, wo bald nach der Wende 30% der Bewohner ihre Jobs verloren hatten und dann von der West-Stuetze Aldi-Korn und Stereoanlagen fuer ihre Trabbis kauften. Die Leute in der Wohnung ueber ihm mochten tagelang Musik gehoert und bis zum Umfallen gesoffen und gezockt haben. Aber sie hatten erst morgens die Stereoanlage ausgeschaltet, wenn der erste von ihnen wieder halbwegs nuechtern geworden war. In der Nachbarwohnung wohnte eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern. Dort in der Platte gab es keine Politiker irgendwelcher Parteien und keine Gewerkschafter, nur vereinzelte Sozialarbeiter, Kirchenleute und Zigarettenverkaeufer der vietnamesischen Mafia mit den ausgemergelten Gesichtern der Heiligen. Der whistle blower mochte die geoeffneten Fenster im 7. Stock eines Zwoelfgeschossers erinnert haben, in einer Sommernacht vielleicht. In der die Bruehe aus europaeischer Steppe, Braunkohle und Flieder, aus Funkturm am Alex und Bachs Musikalischem Opfer im Zimmer stand. Dann die train whistle. Etwas, das man schluerfen kann wie Spreewasser und Champagner, aber Bittermandel im Abgang. Ein Verrueckter vielleicht, den es nach Hamiltopia verschlagen hatte, ein Spielverderber der vom ifa und Goethe-Institut so spendabel ausgeheckten Schau der "Berliner Republik". Und doch vielleicht der einzige, der dort mit gewissem Einsatz gespielt hat, ein versprengter Kuenstler im Betrieb. Die kuenstlerischen Ost-Kids konnten und mussten sich nun freilich die Hauptstadtbueros und Kasernen, die "Mauer" und den Todesstreifen aneignen und ihre Kunst aus dem Muell der Diktatur (Panzer, Aktenlager, Robotron-Computer) sowie den Versatzstuecken der neuen westlichen Unuebersichtlichkeit (Selbstvermarktung, scheinbarer Internationalismus, duemmliches mediales Hurengrinsen an jeder Ecke) zurechtbasteln. Was haetten sie anders tun sollen, da sie sich die Trips nach New York und Barcelona noch nicht leisten konnten? Dazu gesellten sich noch etliche West-Kuenstler, denen die billigen Atelierraeume und die soziale Exotik der ehemaligen Hauptstadt der DDR (mit und ohne Anfuehrungszeichen) gerade recht kamen. Oft Leute, die sich von 1945 bis 1989 keinen Deut um den Osten Europas oder die andere Stadthaelfte geschert hatten. Aber gerade die Jungen mussten in Berlin ihre Frustrationen, ihre echten und eingebildeten Melancholien und ihren kuenstlerischen Marktwert ausprobieren. Inflationaere Jugendlichkeit und Satyrspiele heissen die Stichworte der Berliner Nachwendekunst. Kaum eine(r) drang indessen zu einer kuenstlerischen Auseinandersetzung mit der deutschen Hauptstadtgeschichte vor, dem schlafenden Schichtvulkan aus Preussentum, Stalinismus und (Neo-) Nazismus, auf dem sie alle tanzten. (Vielleicht ist die einzige aufrichtige Reaktion darauf ohnehin die empedokleische Paul Celans) Diejenigen Kuenstler, die sich auf dem neuen westlich-dominierten Kunstmark durchsetzten, waren zumeist nicht diejenigen, die unter dem Einsatz ihres Lebens der DDR-Diktatur widerstanden hatten. Der Westmarkt honorierte nun einmal die dauerpubertaere Provokationsmaschine, die so gut in die Medien passte, wobei hier von wirklicher Provokation nicht einmal die Rede sein konnte, denn pro-vocere bedeutet bekanntlich 'etwas hervorrufen'. Aber eine Auseinandersetzung, Antwort, Dialog wird in der postmodernen Glitterati-Szene nicht beabsichtigt und nicht nachgefragt. Ein Kuriosum am Rande ist, dass auch manche DDR-Staatskuenstler sich im Westen recht gut vermarkten, denn ihnen haftet der sensations- und verkaufsfoerdernde Geruch des Monstroesen ebenso an, wie der solider Handwerklichkeit. Darin den ehemaligen Nazi-Kuenstlern uebrigens nicht ganz unaehnlich. Hier sei noch ein anderes, arithmetisches, Intermezzo eingestreut: Hamilton, Neuseeland, ist eine Stadt von etwas ueber 100 000 Einwohnern. Nehmen wir an, 10% waeren kunstinteressiert, das macht 10 000. Nehmen wir an, dass davon wiederum 10% die "QUOBO"-Schau witzig oder herausfordernd finden werden. Das waeren ca. 1000 Leute, man kann die Zahl durch die Affectionados postmoderner Kunst aus Auckland noch ein wenig aufstocken. Aber sagen wir der Einfachheit halber: rund 1000 Leute, fuer die sich die Ausstellung im Sinne der Organisatoren gelohnt hat. Bei einem konservativ geschaetzen Ausstellungsbudjet von 1 Millionen DM haette hier der deutsche Steuerzahler ca. 1000 DM pro Nase spendiert. Wahrlich grosszuegig. Fuer dieses Geld haette man, andererseits, zwei akademische Deutschlehrerstellen zwanzig Jahre lang finanzieren koennen. Aber zurueck zur Kunst und den Kuenstlern. Selten haben die wirklichen Macher der Wende, die armen Ritter der Runden Tische, ihren Weg in den westlichen und internationalen Kunstbetrieb gefunden. Und das liegt zumeist nicht an ihrer Kunst, sondern daran, dass sie nicht selten die Christen, Juden, Gruenen, Sozialdemokraten, Wertkonservativen, Hausfrauen und die Randstaendigen, Bart-, Brillen- und Sandalentraeger geblieben sind, die sie schon immer gewesen waren. Und nicht wenige tragen noch heute ihre karierten Synthetikhemden aus DDR-Produktion und dies nicht aus Larmoyanz. Sie sind bei "QUOBO" nicht dabei. Und schlimmer noch: der DDR-Stalinismus hat manche hoffnungsvollen Kuenstler einfach weggefoltert, durch Drohungen oder Psychatriebehandlungen in der Knospe gekappt. Auch sie sind nicht dabei. Viele sind nur verletzt und gebrochen in der "Berliner Republik" oder im "Vereinten Europa" angekommen, in denen sich kaum noch jemand fuer sie interessiert. Denn ihre Geschichte ist nicht sexy und nicht cool, sondern oft genug nur hochnotpeinlich, verkorkst und traurig. Wie soll ein Hamiltonier das alles begreifen? Die eigene Lebenserfahrung der meisten Bewohner "middle New Zealands" ist mehr als 20 000 km von diesen Berliner Biographien entfernt. Um nicht missverstanden zu werden: Hier wird nicht der Versuch gemacht, den "naiven Farmern" anzuhaengen, dass sie diese spezielle Berliner Kunst-Geschichte gar nicht verstehen koennen. Oder dass die hochabstrakten und scheinbar so cleveren postmodernen Eurokuenstler fuer sie nun einmal prinzipiell unverstaendlich bleiben muessen. Ganz anders: das, was sie in "QUOBO" sehen, muss ihnen unzugaenglich bleiben, denn es ist belanglos. Aber Neuseelaender koennen nur in den seltensten Faellen wissen, Warum und aus welchen bitterernsten Kontexten heraus diese meist trostlosen Banalitaeten entstanden und jetzt in ihrem Museum plaziert wurden. Didaktisierung taete not. Der "QUOBO-"Katalog leistet das freilich nicht (eine Kostprobe zum Billardtisch: "Die Reduktion materieller Mittel erst erschaffen den reflexiven Raum fuer die Frage, was es denn sei, was man da hoert und sieht" - typisch fuer das theoretische Gesuelze in der aufwendigen Hochglanzbroschuere) und die kleinen Kommentare an den Ausstellungsgegenstaenden erst recht nicht. Aber fairerweise muss man dem Waikato Museum of Art und History bescheinigen, dass eine staerkere Kontextualisierung wohl beabsichtigt worden war, der Organisator dieser Bemuehungen jedoch durch lange Krankheit ausfiel. Ist "QUOBO" noch zu retten? Durch ein umfangreiches, gut didaktisiertes Begleitprogramm moeglicherweise. Sonst nicht. Mit Runden Tischen ueber Berlin und Deutschland vielleicht, ueber das postmoderne Happening eines Kunstbetriebes, in dem sich die selbstgestylten Kuenstler und Kunstbroker so auskoemmlich alimentieren. Fotos und Filmen zu allen Epochen der Hauptstadtgeschichte, besonders Wim Wenders "Der Himmel ueber Berlin", der schon vor der Wende zeigte, dass nur ein Odysseus der letzten Tage und die Engel sich im Zentrum dieser deutschen, deutschen Stadt noch bewegen koennen. Literatur boete sich ferner an, Brussig's "Helden wie wir", Bernd Wagners "Club Oblomow" (darin kommen auch Billiardtische vor), vielleicht gar Guenter Grass' "Weites Feld" und immer wieder Biermann's respektlose und Dieckmann's alles verstehende Essayistik, in der manches anschaulicher und zugaenglicher wuerde. Jut, det war nischt: zu spaet. - Doch wie anders? Man haette die Berliner Kuenstler - einschliesslich derer in den karierten Synthetikhemden - nach Hamilton einladen koennen, um die Sozial- und Industriebrachen am Waikato mit einem Berliner Blick zu inszenieren, und umgekehrt. Globale Urbanitaet zu proben. Oder erst einmal mit einer Ausstellung moderner Kunst anfangen. Oder man haette einige neuseelaendische Berlin-Experten in die Planung der Sache einbeziehen koennen. Solche gibt's ja. Sogar in Hamilton. Oder man haette die Finger davon lassen und die Deutschlehrerstellen bezahlen koennen. Nachsatz: Der Name "QUOBO" ist uebringens gar nicht so einmalig und selbstreferentiell (und zugleich doch, miraculi!, nonchalant fuer die globale Mission des deutschen Steuerzahlers einstehend) wie die Organisatoren es uns wissen lassen. Wie ein bekannter neuseelaendischer Linguist auf dem Eroeffnungsrundgang versicherte, gibt es "QUOBO" bereits in einer polynesischen Sprache. Und es bedeutet sogar etwas. Auf Tonganesisch meint "QUOBO" 'eine Fahrt in die Nacht'. Anmerkungen: [1] "Hans-Joachim Kupka, niederbayerischer Bezirksvorsitzender der REPUBLIKANER, zustaendig fuer den Ordnungsdienst, setzt sich ins Ausland ab, nachdem ihm falsches Titelfuehren vorgeworfen wird und er in seinem "Institut fuer Zelltherapie" eine Millionenschuld aufgetuermt hat." Zitat aus: Klaus-Henning Rosen (Hrsg.): Die Republikaner - Aspekte einer rechten Partei. Daten - Fakten - Hintergruende, Bonn 1991, S. 77. Zur Biographie Hans-Joachim Kupkas vgl. das "Online-Lexikon Rechtsextremismus", in: Informationsdienst gegen Rechtsextremismus (IDGR), hrsg. v. Margret Chatwin, URL: <http://www.idgr.de/lexikon/bio/k/kupka-hj/kupka.html> [19.11.2001]. [2] Norman Simms: Holocaust Denial in New Zealand, in: Clio's Psyche (March 2000), 173-174; Stefan Bialoguski: Uproar over Extremist at University, in: The Australian Jewish News (June 30, 2000); Cathy Aronson / Rebecca Walsh: Nazi row man had far-right link. Former New Zealand Student "cleared out extremists", in: New Zealand Herald (July 27, 2000); Academic wheels grind slowly. Kupka furore continues, in: New Zealand Jewish Chronicle (July 2000), p. 6; Cathy Aronson: 'Neo-Nazi' probe launched into Kupka case. Waikato campus faces scrunity, in: New Zealand Herald v. 10.8.2000. Rezensent: Norman P. Franke, M.A.; Lecturer in German. Has previously taught at the Universities of Hamburg and Reading. His research interests include the early German Romantics (Novalis, F. Schlegel), Exile Literature (K.Wolfskehl, E. Lasker-Schüler) and East German Literature. ---------------------------------------------------------------------- Copyright (c) 2002 by VL-Museen, "Museum Professionals", all rights reserved. This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and the list. For other permission, please contact editor@museumslist.net . 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