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Harriet Roth: Der Anfang der Museumslehre in Deutschland: das Traktat
"Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi" von Samuel Quiccheberg;
lateinisch-deutsch. Hrsg. und kommentiert von Harriet Roth, Berlin:
Akademie-Verlag, 2000. - 362 S.: Ill. ; 25 cm, ISBN 3-05-003490-4, Pp.: DM
125.00, ca. sfr 112.00, ca. S 913.00. Zugl.: Berlin, Humboldt-Univ., Diss.
Rezensiert von Marlies Raffler, Graz
E-Mail: marliese.raffler@utanet.at
Die Druckfassung einer an der Berliner Humboldt-Universitaet approbierten
Dissertation behandelt erstmals Samuel Quicchebergs richtungsweisenden
Traktat "Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi...", erschienen 1565 in
Muenchen, in seiner Gesamtheit. Die intensive Auseinandersetzung mit den
umfangreichen und schwer zugaenglichen Quellen und der Sekundaerliteratur
(u.a. im Rahmen eines Forschungsstipendiums am Getty Center) ermoeglichte es
der Herausgeberin, eine vollstaendige Uebersetzung des Werkes vorzulegen und
diese in einen biographischen und wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang
zu stellen. Auf diese Weise wird nun diese als erste museumstheoretische
Schrift in Deutschland geltende Abhandlung einem breiteren wissenschaftlich
orientierten Publikum zugaenglich gemacht. Eingebettet ist die Uebersetzung
des Traktats zwischen einleitenden Bemerkungen zur Biographie Quicchebergs,
einer ausfuehrlichen Erlaeuterung der ihm vorliegenden Schriften und
Sammlungen mit besonderer Betonung der Vorbildwirkung von Giulio Camillos
"L`Idea del Theatro" sowie einer Eroerterung seines Museumsbegriffs und
einem ausfuehrlichen Kommentar zu "Ordnung und Methode in Quicchebergs
Museumstheorie". Hier ist grundsaetzlich -wenn auch im nachhinein muessig -
die Ueberlegung angebracht, ob anstelle dieser Dreiteilung nicht eine
textkritische Edition mit ausfuehrlichem Anmerkungsapparat und integriertem
Kommentar benutzerfreundlicher gewesen waere.
Teil I bietet zunaechst einen biographischen Abriss mit der Erfassung aller
in den Quellen auftauchenden Schreibweisen des Namens des Gelehrten.
Basierend auf Angaben des Biographen H. Pantaleon zeichnet die Verfasserin
die Spur des gebuertigen Flamen ueber Antwerpen, Gent, Ingolstadt,
Nuernberg, Augsburg, ueber Kontakte mit den Fuggern hin zu den Sammlungen
Albrechts V. von Bayern nach. Die Muenchner Kunstkammer war, wie die
Ferdinandeische in Ambras, eine der bestgeordneten Sammlungen, wofuer
Quicchebergs Methodologie fuer die Gliederung eines "theatrum sapientiae"
praktisch angewandt wurde. Aus den zahlreichen Reisen nach Florenz, Bologna,
Padua und Rom lassen sich Inspirationen durch die musealen Einrichtungen
eines U. Aldrovandi oder F. Calzeolari ableiten.
Die "wissenschaftstheoretischen" Auseinandersetzungen um Klassifizierung und
Ordnung der Natur, die letztlich auf die Konzeptionen des Aristoteles in
seinen naturkundlichen Abhandlungen zurueckgingen, und bereits im
Universalienstreit kulminierten, gewannen in der wissenschaftlichen
Diskussion ueber die rechte Ordnung der Dinge und damit ueber den
artifiziellen oder natuerlichen Charakter systematischer Kategorien immer
staerker an Einfluss. Quicchebergs Ambitionen fuegen sich in eine Reihe mit
den einschlaegigen Schriften Pier Andrea Mattiolis, Conrad Gesners, John
Kentmanns, Scipione Maffeis, nicht zu vergessen Pierre Belons und Guillaume
Rondelets.
Breiter Raum wird der bei Elisabeth M. Hajós (References to Giulio Camillo
in Samuel Quicchelberg's "Inscriptiones vel tituli theatri amplissimi". In:
Notes and Documents. Bibliotheque d`Humanism et Renaissance 25, 1963, S.
207-211) nachgewiesenen Bedeutung Guilio Camillos auf die Kategorisierung
der Objekte bei Quiccheberg gewidmet. Dieser ist - etwa zeitgleich mit
Gesner und mit dessen Ordnungsprinzip konkurrierend - dem antiken System
der Mnemesis verhaftet. Der Bologneser Gelehrte aus der ersten Haelfte des
16. Jahrhunderts realisiert auf der Suche nach einem System metaphysischer
Merkorte (loci) ein mnemotechnisches Hilfsmodell in Form einer
Theaterkonstruktion ("L'idea del Theatro" 1550). Die bei Roth fehlenden
Beitraege von Barbara Keller (Mnemotechnik als kreatives Verfahren im 16.
und 17. Jahrhundert. In: Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen
Erinnerung, hrsg. v. Aleida Assmann u. Dietrich Harth, Frankfurt a.M. 1991,
S. 200-216) sowie von Guiseppe Olmi (Dal "Teatro del mondo" ai mondi
inventariati: aspetti e forme del collezionismo nell' età moderna. In:
Ders., L'inventario del mondo. Catalogazione della natura e luoghi del
sapere nella prima età moderna, Bologna 1992 [=Annali dell'Istituto storico
italo-germanico, Monografia 17], S. 165-209), der nur unvollstaendig in der
Bibliographie zitiert ist, seien hier ergaenzend erwaehnt.
Zu Teil II: Trotz ausfuehrlicher Diskussion im Einleitungskapitel ist die
Verfasserin kuehn genug, den vielschichtigen Ausdruck "theatrum" mit dem
bedeutungsueberladenen deutschen Begriff "Theater" zu uebersetzen. Die im
Kommentar [S. 260f] diskutierte Problematik beruecksichtigend und
gleichzeitig doch den anachronistischen, aber synchron zu verwendenden
Begriff des "Museum" umgehend, koennte man auch in der Uebersetzung
"theatrum" stehenlassen und auf die Erklaerungen verweisen. Seit dem 16.
Jahrhundert verbinden sich unter dem metaphorischen Begriff theatrum,
theatrum mundi, theatrum humanae vitae, theatrum sapientiae, theatrum
naturae enzyklopaedische Aufarbeitungen des Wissens unter dem Aspekt einer
Disposition, einer speziell fuer die Sammlung konstruierten Ordnung. Der
Topos des theatrum mundi als Titel enzyklopaedischer Werke wird in die
humanistische Literatur uebernommen; theatrum mundi ist um 1600 bereits zu
einer literarischen Metapher geworden (von Shakespeare und Cervantes bis hin
zu Jean Bodin`s "Universae naturae theatrum" (1596); das Bild haelt auch
Einzug in die Architektur; vergleiche ergaenzend Ann Blair (The Theater of
Nature. Jean Bodin and the Renaissance Science, Princeton 1997, S. 153);
Paula Findlen (Possessing Nature. Museums, Collecting, and Scientific
Culture in Early Modern Italy, Berkeley 1994, bes. Kap. 1 "A World of
Wonders in One Closed Shut" S. 17-47). Aus dieser Fehlinterpretation
resultieren seltsame Uebersetzungs"blueten": so wird "pro ingenio fundatoris
theatri" [S. 52f.] mit "dank der Begabung des Theatergruenders" uebersetzt;
"varietas" [S. 36f] spricht wohl die Vielfalt der Schoepfung an, und gewiss
nicht die Abwechslung.
Teil III, der von Harriet Roth praezise gearbeitete Kommentar zu "Ordnung
und Methode", analysiert moegliche Intentionen der Abfassung des Traktats.
Unter Beruecksichtigung umfangreicher Literatur und Arbeiten zu
Parallelsammlungen werden die fuenf Klassen der "inscriptiones signum
Mercurio" erlaeutert. Erstens die historische Abteilung, fussend auf
theologischer, planetarischer und numerischer Ordnung, mit Ahnengalerie und
Veduten; zweitens die artificialia, drittens die naturalia, viertens - in
Anlehnung an die artes mechanicae - die artificialia und scientifica mit
Hinweis auf Instrumente, Werkzeuge, Waffen sowie die sozialgeschichtlich und
ethnologisch interessante Puppensammlung. Die fuenfte Abteilung umfasst die
eigentliche Kunstgalerie. Daran reihen sich unter dem Titel "Musea et
Officina" die Abhandlungen Quicchebergs ueber Gruendung, Auswahl und
Aufstellungskonzept einer Bibliothek, konkret der Muenchner Hofbibliothek,
die die Sammlung ergaenzen sollte, sowie zu Archiven und Werkstaetten. Eine
zentrale Rolle spielen "Admonitio et Consilium", mit denen Quiccheberg die
"optimale Benuetzung des Textes" (S. 259) zu gewaehrleisten sucht. Auch hier
ist wieder der Plan eines alle Wissensbereiche umfassenden "theatrum"
angesprochen. Fuer die Verfasserin bewegt sich Quicchebergs
Gliederungsprinzip auf drei Ebenen: erstens auf der Ebene der Objekte,
zweitens auf der Ebene der Texte sowie der Bibliothek, und drittens auf der
Ebene des als die Bibliothek ergaenzenden Archivs interpretierten
"promptuarium". Ratschlaege fuer die Sammelpraxis, die Bewahrung und
Konservierung sowie das Tauschprinzip ergaenzen Quicchebergs
Gebrauchsanleitung; in den "Disgressiones" werden schliesslich die in den
"Inscriptiones" behandelten Bereiche erlaeutert.
Der letzte Abschnitt des Traktats fuehrt als "Exempla" eine Reihe von
vorrangig aus dem deutschsprachigen Raum stammenden Sammlern an, die zu
einer Sammlerrepublik zusammengefasst und von Harriet Roth weitgehend
biographisch erschlossen werden. An der Spitze dieses hierarchischen Systems
stehen die weltlichen und geistlichen Fuersten, Gelehrten sowie sammelnde
Patrizier, an zweiter Stelle die Sammlungen am Hof und die "theatri
sapientiae"; an dritter Stelle folgt - gleichsam als Spiegel einer regen
Sammlertaetigkeit in der zweiten Haelfte des 16. Jahrhunderts - eine
Auflistung vor allem regionaler Sammlungen, Kuenstler und Kunsthandwerker
aus dem Raume Ingolstadt, Augsburg und Nuernberg. Ergaenzt wird dieser
Abschnitt durch Bibelzitate und durch Lobgedichte auf den Universalgelehrten
Quiccheberg selbst, welche nach Roths Vermutung von Albrecht V. in Auftrag
gegeben wurden. Nicht zufaellig beginnt dieser Abschnitt mit der
Verherrlichung Koenig Salomos und endet mit jener Quicchebergs.
Die urspruengliche Euphorie der Rezensentin ueber diese unbestritten
verdienstvolle Arbeit wurde durch vermeidbare Fehler einigermassen getruebt.
Ins Auge springen zwangslaeufig die unpraezisen oder schlichtweg falschen
Erlaeuterungen zu Herrschern, ein Hinweis auf Fluechtigkeit und auf
mangelnde Einsicht in die Struktur des "Heiligen Roemischen Reiches
Deutscher Nation" sowie der Habsburgischen Laenderteilungen (Hausordnung
1554), zugleich, daraus resultierend, falsche Schlussfolgerungen ueber das
Netzwerk von Gelehrten und Kuenstlern an europaeischen Hoefen. Als Beispiele
seien aus dem Personenregister angefuehrt: Ferdinand I. (1556-1564) war
nicht Kaiser von Oesterreich (Roth, S. 359, S. 100, Anm. 47, S. 169, Anm.
8); seine Position stuetzte sich auf die oesterreichischen Erblande, 1531
wurde der Erzherzog roemischer Koenig, nach der Abdankung Karls V. wurde er
1556 Kaiser des Heiligen Roemischen Reiches. Fehlinformationen finden sich
auch bei Ferdinand II. oder bei Karl II. von Inneroesterreich, der am Grazer
Hof eine Kunst- und Schatzkammer unterhielt und durch seine Heirat mit Maria
von Bayern in enge Verbindung mit dem Muenchner Hof Albrechts V. - und damit
in Quicchebergs Wirkungskreis - trat. Dies wird weder bei Karl noch Maria
von Bayern (Roth, S. 135, Anm. 73) erwaehnt; Maximilian II. und Rudolf II.
werden lapidar als "Kaiser" tituliert.
Insgesamt leidet die bemuehte Uebersetzung, wie die oben zitierten Beispiele
zeigen, stellenweise (z.B. S. 51 ueber Gemmen und Muenzen) an sachlicher
Praezision. Dennoch setzt Harriet Roth mit ihrer Arbeit einen
museologischen Meilenstein, der zwar naturgemaess gerade aufgrund der
Bemuehungen um vielseitige Beleuchtung angreifbar ist, aber dennoch einen
idealen Arbeitsbehelf und eine Diskussionsgrundlage fuer die
wissenschaftliche Weiterarbeit in die Hand gibt; ein Werk, ueber das man
spricht und das viele Anstoesse bietet.
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