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Alexander Kierdorf / Uta Hassler: Denkmale des Industriezeitalters. Von der
Geschichte des Umgangs mit der Industriekultur, Tuebingen/Berlin: Wasmuth,
2000, 316 S., 156 s/w Abb., ISBN 3-8030-0604-X, Preis: EURO 49,90
Rezensiert fuer "Museums Professionals" und VL Museen von:
Martin Schmidt <schmidt.bum@t-online.de>
Rheinisches Industriemuseum Euskirchen, Tuchfabrik Mueller
Eigentlich ueberfaellig war ein solcher Band schon seit einiger Zeit. Denn
die Diskussion ueber den Umgang mit dem industriellen Erbe ist keine neue
Debatte, und Schlagworte wie "Umbau statt Abriss" toenen nicht erst in den
letzten Jahren durch die Feuilletons. Wie der hier vorzustellende Band
zeigt, hat die Auseinandersetzung mit diesem Teil des historisch-kulturellen
Erbes bereits eine ueber 200jaehrige Tradition. Und immer wieder sind in
dieser Zeit Fragen nach dem technischen oder industriellen Denkmal gestellt
worden. Was ist unter einem solchen zu verstehen? Wie soll damit umgegangen
werden?
Mit dem vom Lehrstuhl fuer Denkmalpflege und Bauforschung der Universitaet
Dortmund herausgegeben Band legen Alexander Kierdorf und Uta Hassler nicht
etwa eine neuerliche Zusammenstellung mehr oder weniger bedeutender
Industrieanlagen vor, sondern moechten "eine differenzierte Geschichte der
Denkmalpflege" (S.6) bezogen auf die Hinterlassenschaften der industriellen
Tradition anbieten. Es geht den Autoren um die Entfaltung der entsprechenden
theoretischen Grundlagen einer von ihnen durchaus auch kritisch beurteilten
Fachrichtung. Wer das grossformatige Werk jedoch in der Erwartung eines
weiteren opulenten Bildbandes der Kathedralen der Industriekultur zur Hand
nimmt, wird enttaeuscht werden. Zwar ist das ueber 300 Seiten starke Buch
mit mehr als150 Abbildungen in schwarz/weiss reich bebildert; doch verfolgen
Kierdorf und Hassler ein anderes Ziel. Es wird nicht etwa ein Katalog
moeglicher Formen von Erhaltung, Nutzung und Zerstoerung von Industriekultur
angestrebt, vielmehr illustrieren und belegen die Plakate, Zeichnungen,
Grafiken oder auch die eindrucksvollen historischen Fotografien die
Reflexion der Autoren.
Kierdorf und Hassler stuetzen sich bei ihrer Arbeit auf die Ergebnisse eines
dreijaehrigen Forschungsprojektes, welches das Ministerium fuer
Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen seit 1992
finanzierte. Dass Uta Hassler in den als programmatische Einleitung zu
verstehenden Bemerkungen "Vom Kultobjekt zur Ressource" daher einen
"gewissen Schwerpunkt bei der Auswahl der Materialien im Raum zwischen Rhein
und Ruhr" konstatiert, braucht nicht zu irritieren. Sollte es diesen ueber
den aus der Sache durch aus begruendbaren tatsaechlich geben, wirkt er sich
bei der Lektuere des Buches nicht negativ aus. Denn dass sich NRW mit seiner
hohen Dichte an bedeutenden Industrieanlagen fuer eine solche Studie
hervorragend eignet, hat unlaengst ja Axel Foehl mit seinem Band "Bauten der
Industrie und Technik in Nordrhein-Westfalen" (Berlin 2000) belegt.
Wegen des methodischen Ansatzes einer "Fachgeschichte im historischen,
kulturellen, oekonomischen und politischen Kontext" (S. 6) gehen die Autoren
nicht streng chronologisch vor, sondern gliedern ihr Buch in acht
Themenbereiche, deren Ueberschriften bereits den ambitionierten Vorstoss
einer Gesamtschau auf das Thema verdeutlichen:
I. Ansichten von Industrie im 19. Jahrhundert
II. Zwischen Heimatschutz und Technikgeschichte: Das Technische
Kulturdenkmal
III. Die Industrie des 20. Jahrhunderts: Macht, Triumph und Zerstoerung
IV. Die Entdeckung des industriellen Erbes: Industriearchaeologie als
Forschungsidee
V. Ein neues Geschichtsbild: Industriekultur, Alltag und demokratische
Identitaet
VI. Die langsame Annaeherung an das Industriedenkmal
VII. Die Entstehung und Wandel der Erhaltungskonzepte
VIII. Perspektiven: Deindustrialisierung und das Ideal ressourcenschonenden
Wirtschaftens
Wird in den "Ansichten der Industrie" zunaechst der Blick auf die
"unterschiedlich entwickelte Wahrnehmungsfaehigkeit und -absicht" (S. 13)
des 19. Jahrhunderts gelenkt und somit die Basis der spaeteren Diskussionen
skizziert, widmet sich das Kapitel "Zwischen Heimatschutz und
Technikgeschichte" einer ersten Phase des Geschichtsbewusstseins zu Beginn
des 20. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist der dort ausgefuehrte Hinweis auf
die Debatte zwischen Oskar von Miller (Initiator des Deutschen Museums
Muenchen) und dem Berliner Professor fuer Maschinenbau, Alois Riedler, der
bereits damals forderte, die gesamten wirtschaftlichen Verhaeltnisse und der
damit verbunden sozialen Strukturen museal darzustellen - eine Haltung, der
sich erst das spaete 20. Jahrhundert mit Erfolg annahm. Doch nicht nur die
Musealisierung von Technik ŕ la Muenchen nach dem stuermischen Aufbau der
Industriegesellschaft ist Thema. Sehr ausfuehrlich schildert Kierdorf, der
fuer die ersten sieben Kapitel des Bandes verantwortlich zeichnet, die
Entwicklung der Inventarisierung und strukturierte Aufnahme der "technischen
Kulturdenkmale", ohne dabei die Probleme mit den Definitionen des Begriffes
zu verleugnen. Ein Kern seiner Ausfuehrungen ist die Theoriebildung der 20er
Jahre, die zumindest im Westen der Republik bis in die 50er und 60er Jahre
Bestand hatte. Er beschraenkt sich dabei im Uebrigen nicht allein auf die
deutsche Perspektive (Ost und West) sondern verweist auf den europaeischen
Kontext.
Das dritte Kapitel wird von einer Darstellung ueber die Bewertung der
"neuen" Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts eingeleitet. Namen wie der
des Architekten Peter Behrens oder des Journalisten Friedrich Naumann sowie
Organisationen und Kooperationen wie die Heimatschutzbewegung, der Werkbund
oder die Arts-and-Crafts-Bewegung bestimmen die Diskussion ueber Funktion
und Wirkung von Industriebauten. Eine Erklaerung fuer dieses im Zusammenhang
des Buches ueberraschende architekturtheoretische Kapitel liefert Kierdorf
in dessen letzten Abschnitt selbst: "Ohne die Beschaeftigung mit diesen
Entwicklungen und die Analyse der neunen Perspektiven sind weder die sich
wandelnden Einstellungen zu Industrie und Technik noch der sich unter den
Bedingungen von Bevoelkerungs- und Staedtewachstums, Wirtschaftskrisen,
Zerstoerung und Mangel veraendernde Umgang mit Industriebauten in dieser
Zeit zu verstehen. [...] Wer den Stellenwert der oft ideologisch-pragmatisch
gemeinten Industriearchitektur nicht kennt, dem ist auch ihre
zeitgenoessische wie moderne Rezeptionsgeschichte nicht verstaendlich. Hier
liegen bewusst geschaffene Wurzeln fuer das architektonisch gepraegte Bild
vom Industriedenkmal" (S. 94).
Erst das vierte Kapitel widmet er sich wieder dem eigentlichen Thema des
Bandes. Hier ist die Ueberschrift ,Die Entdeckung des industriellen Erbes:
Industriearchaeologie als Forschungsidee' Programm. Kierdorf spuert den
"Wurzeln" und den "Interessen" dieses Beschaeftigungsfeldes nach. Seit den
50er Jahren wurde mit der in England angeregten Auseinandersetzung ueber das
materielle Erbe der juengeren Vergangenheit das in Deutschland nach wie vor
vorherrschende Paradigma "der im wesentlichen vorindustriell, gestalterisch
und konstruktionsgeschichtlich festgelegten Beschaeftigung mit Denkmalen
historischer Technik" (S. 107) durchbrochen. Es verwundert daher nicht, dass
Kierdorf in eigenen Abschnitten zunaechst das Beispiel England und dann die
"erste[n] industriearchaeologischen Aktivitaeten in Deutschland" vorstellt.
Doch auch hier begnuegt er sich nicht mit einem eingeschraenkten
Blickwinkel. Ein zwar kurzer, aber dennoch aufschlussreicher Abschnitt
oeffnet die Perspektive auf die internationale Buehne, auf Kongresse und den
Austausch der Fachwelt und deren Implikationen auf die Debatte.
Beschaeftigte sich das gerade angesprochene Kapitel auch mit der
Industriearchaeologie und in diesem Zusammenhang mit der Denkmalpflege, die
bereits in den 70er und 80er Jahren zunehmend die Inventarisierung von
architektonischer Hinterlassenschaft des Industriezeitalters und deren
Bewertung als Denkmale uebernommen hatte (S. 114), verweisst das nun
folgende auf die Notwendigkeit der Kontextualisierung. Nach Kierdorf
benoetigt insbesondere die Denkmalpflege einen "Bezugsrahmen, eine
Vorstellung von historischer Entwicklung und Bedeutung der
Industrialisierung und der Industriegesellschaft" (S. 145), um arbeiten zu
koennen. Erst diese sei die Grundlage "fuer das Verstaendnis, die
Erforschung und den Erhalt der baulichen Zeugnisse" (ebd.). Unumgaenglich,
so lehrt das Buch, ist daher zudem die Kopplung mit den Nachbardisziplinen
der Sozial- und Wirschaftsgeschichte. Gelingt es Kierdorf den Zusammenhang
mit letzteren ueberzeugend zu transportieren, ist die Verknuepfung zur
Kunstgeschichte eher verwirrend dargestellt. Auch wenn er zu recht
formuliert, "es mag gewagt erscheinen, unter dem schillernden Begriff der
Industriekultur Kunst- und Baugeschichte, Alltags- und
Sozialgeschichtsforschung und die Bewertung der Geschichtswerkstaetten [...]
zu verknuepfen" (S. 164), ist dies doch ein hoch interessanter Ansatz.
Bereits als ein Vorgriff auf folgende Kapitel koennte der Abschnitt
,Alltagskultur und Museum' verstanden werden. Allerdings ist es hier
Absicht, den Wandel in der Praesentation zu erlaeutern: "Fuer die museale
Konzeption steht oft der assoziative Wert eines einzelnen Objektes im
Vordergrund, seine direkte Aussagekraft; es verdinglicht, komprimiert einen
Kontext" (S. 158). Bereits in diesem Abschnitt deutet Kierdorf das Dilema
an, was sich aus der Standortwahl der in den spaeten 70er und 80er Jahren
gegruendeten neuen Museen zur "Industriekultur", zur "Sozialgeschichte" oder
zur "Arbeit" ergab; denn nicht immer war diese Verbindung fuer die Erhaltung
der Denkmale foerderlich.
Eher aus der Praxis des Denkmalpflegers argumentiert Kierdorf im vorletzten
Kapitel aus seiner Feder (VI). Hier beruehrt er Themen wie "Stadtsanierung
und Denkmalschutz", "Definition und Begruendung" sowie die Probleme und den
Wandel bei "Inventarisierung und Auswahl" und der dafuer noetigen
"Bewertungskriterien". Wer hier allerdings Antworten sucht, wird diese nur
mittelbar finden. Zwar wird auf die heute gueltigen Verfahren und Ansaetze
verwiesen, der Autor bleibt jedoch seinem fachgeschichtlichen Ansatz treu.
Die letzten beiden Kapitel des Bandes setzen sich mit dem Wandel der
Erhaltungskonzepte auseinander: Kapitel VII eher aus historischer Sicht, das
achte - von Uta Hassler geschriebene - eher perspektivisch, d.h.
zukunftsorientiert. Der kritische Ansatz Kierdorfs - insbesondere auch zu
Museumsprojekten und ihrer aus seiner Sicht das Denkmal oft eher
angreifenden Wirkung - ist diskussionswuerdig, in Bezug auf die
Industriekultur und die Darstellung der Alltagsgeschichte in Museen der 70er
Jahre jedoch richtig (vgl. S. 243). Seine aus den Ausfuehrungen zum
"Industriedenkmal als Ruine" zu erahnende Haltung duerfte ebenfalls auf
Kritik stossen. Es koennte dennoch der Eindruck eines salomonischen Richters
entstehen, wenn Kierdorf formuliert, "die Vielzahl der Erhaltungskonzepte
sollte es erleichtern, bei jedem Objekt die Ziele und Moeglichkeiten
individuell festzulegen" (S. 240). Liest man jedoch weiter, wird der Autor
als Anwalt des "authentischen Geschichtszeugnisses", wie Denkmale seit Georg
Dehio definiert werden, sichtbar. Und als solcher formuliert der
Denkmalpfleger Kierdorf: "Der Denkmalschutz koennte [...] manchmal unter dem
Einfluss von Machbarkeits- und Verwertungsdogmen versucht sein, seiner
vielleicht wichtigsten und letzten Aufgabe zu entkommen: Anwalt gerade des
nicht Nutzbaren, des Ueberfluessigen, des momentan Ungeliebten und
Abgelehnten zu sein" (ebd.).
Ute Hassler verlaesst den historischen Ansatz des Buches. Die Motivation zu
diesem abschliessende Kapitel findet sich auf Seite 265: "Im letzten
Jahrzehnt konnten [...] extrem kontraere Haltungen gegenueber den Zeugnissen
des Industriezeitalters entstehen: ihre rigorose Ablehnung als ideelle und
materielle Belastung erhoffter (aber unrealistischer) zukuenftiger
Entwicklungen einerseits und der Wille, historische Strukturen vor allem als
Belege einer verschwindenden industriellen Welt sichtbar zu erhalten,
andererseits. Pragmatische Kompromisse einzelner "Bildstoecke" in neue
Baugebieten eingefuehrter Industrierelikte und hochambitionierte, aber oft
ueberinszenierte Umbauloesungen historischer Industriebauten sind sichtbare
Ergebnisse dieser gesellschaftlichen Ambivalenz." Hassler verlangt daher
eine Neubewertung der materiellen Ueberreste und zwar ideell und materiell.
Oekologisches Denken im Sinne Michael Petzets Wort von der "Umwelttherapie"
kraenkelnder Staedte durch Denkmalschutz ist genauso Thema wie
Industriemoderne und Landschaft als Loesung des Gegensatzes von Industrie
und Natur. Und auch die Steuerung von Entwicklung durch die Einbeziehung der
Industrierelikte - des Wandels ohne neues flaechenverschlingenden
Wachstums - werden behandelt und durch aus kritisch gesehen ("IBA
EmscherPark" an Ruhr und Emscher, Londoner Docklands, Textilstadt Lowell
etc.). Schlussendlich betont Hassler, dass die Nutzung der ihr am Herzen
liegenden Objekte eine nachhaltige und ressourcenschonende Form laengst
erzeugter Ressourcen darstellt.
Jedes Kapitel wird ergaenzt durch eine Quellentextsammlung aus einerseits
verdienstvoll zusammengetragener oft nur schwer zugaenglicher Texte und wohl
bekannter Traktate. Diese Meilensteine stammen von bekannten Namen wie
Conrad Matschoss, Rainer Slotta oder Ákos Paulinyi. Es begegnen dem Leser
jedoch auch Auszuege aus Schriften von Karl Friedrich Schinkel oder Guenter
Wallraff. Jeder Autor wird mit einer kurzen Bemerkung zur Person
vorgestellt, die auch der breiten Oeffentlichkeit zumindest einen erste
Hilfe geben, wer sich aus welcher Profession heraus aeussert.
Begriffe wie "Denkmale historischer Technik", "Industriekultur" und
"Industriearchaeologie" werden erlaeutert ohne definiert zu werden. Wer
griffige Definitionen und deutliche Standpunkte sucht, sei auf die
Quellentexte verwiesen. Zwischen Denkmalen, Architektur- und
Geschichtstheorie und fachhistorischer Historiographie bleibt der Band kein
trockenes akademisches Machwerk, vielmehr ist es den Autoren elegant
gelungen, wissenschaftlichen Anspruch und lebendige Lektuere zu verbinden.
Ein den Band erschliessendes Register, eine Zeittafel zur
Industriedenkmalpflege ergaenzen den Text. Lediglich das
Literaturverzeichnis vermisst man schmerzlich, denn die in den Anmerkungen
zahlreichen Publikationshinweise waeren es wert gewesen, sich nicht nur am
Seitenrand zu verstecken.
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