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------------------------------------------------------------ Otto der Grosse, Magdeburg und Europa 27. Europaratsausstellung und Landesausstellung Sachsen-Anhalt Magdeburg, Kulturhistorisches Museum 27. August - 2. Dezember 2001 WWW: http://www.ottodergrosse.de Rezensiert von Alfons Zettler, Historisches Institut der Universitaet Dortmund E-Mail: <alfons.zettler@udo.edu> Katalog und Handbuch zur Ausstellung: Otto der Grosse, Magdeburg und Europa, hg. von Matthias Puhle, Bd. 1: Essays, Bd. 2: Katalog, Philipp von Zabern: Mainz am Rhein 2001, zus. 584 + 616 Seiten, Ausstellungsausgabe DM 98.- (Zuvor war schon ein Band mit den Beitraegen des Symposions zur Vorbereitung der Ausstellung erschienen: Ottonische Neuanfaenge, hg. von Bernd Schneidmueller/Stefan Weinfurter, Philipp von Zabern: Mainz am Rhein 2001, 398 Seiten, Verlagsausgabe DM 115.-, im Paket mit Katalog und Begleitbuch zur Ausstellung DM 220.-) Prachtvolle Goldschmiedearbeiten, kunstvolle Elfenbeinschnitzereien, Urkunden aus tausendjaehrigem Pergament, aber auch Gegenstaende des Alltagslebens der Menschen vor mehr als 1000 Jahren sind vom 27. August bis zum 2. Dezember 2001 im Kulturhistorischen Museum Magdeburg zu sehen. Am Beginn des dritten Jahrtausends fuehrt die Zeitreise der Europarats- und Landesausstellung "Otto der Grosse, Magdeburg und Europa" in die Welt des 10. Jahrhunderts. "Die Faszination Mittelalter erwartet den Besucher; ein Blick in eine Zeit, die uns heute fremd erscheint, in der aber die Wurzeln unseres heutigen Europas liegen. Otto I. (936-973), dem bereits zu Lebzeiten der Beiname "der Grosse" verliehen wurde und der sich 962 zum Kaiser kroenen liess, steht im Mittelpunkt der Ausstellung - eine Persoenlichkeit, die wie kaum eine andere die Entstehung und Entwicklung des heutigen Europa beeinflusst hat". So jedenfalls sehen die Veranstalter selbst ihr Werk, das hier besprochen werden soll. Die Ausstellung besteht aus vier hauptsaechlichen Elementen, einmal dem Kernstueck, gegliedert in sechs Abteilungen, im Obergeschoss des Kulturhistorischen Museums der Stadt Magdeburg, ferner einem (unten noch naeher zu erwaehnenden) "museumspaedagogischen Appendix", dann dem Kaiser-Otto-Saal, wo die bekannte Skulpturengruppe des Magdeburger Reiters in wuerdigem Ambiente praesentiert wird, und schliesslich einer Multivisions-Einheit im Erdgeschoss, die laut Ankuendigung zu einem "virtuellen Spaziergang durch ein monumentales Gebaeude der Magdeburger Pfalz Ottos des Grossen" einlaedt. In und um Magdeburg gibt es waehrend der Ausstellung ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm. So kann man beispielsweise auf den Spuren Ottos des Grossen durch Sachsen-Anhalt reisen. Praesentiert in sechs Abteilungen, setzt die Ausstellung ein mit "Geschichte und Ueberlieferung", einer Einheit, die vor Augen fuehrt, woher wir unser Wissen ueber Otto und seine Herrschaft beziehen. Der Besucher erhaelt einen lebendigen Eindruck von der Spaerlichkeit der historiographisch-biographischen Ueberlieferung, die das ottonische Zeitalter charakterisiert. Dazu gehoert auch, dass es zwar Bildnisse Ottos gibt, beispielsweise auf den Siegeln der Urkunden, doch vermitteln diese keine Vorstellung von der wirklichen Gestalt und Erscheinung des Herrschers. Sodann wird der Besucher in die "ottonische Koenigslandschaft in Sachsen" gefuehrt. Diese Abteilung erscheint etwas ueberfrachtet, wohl auch deshalb, weil neben Kirchenmodellen, neben der Archaeologie und der geschriebenen Geschichte bedeutender historischer Staetten im ottonischen Sachsen auch noch ansatzweise eine Darstellung des Alltagslebens hineingepackt worden ist. In den zentralen Abschnitten "Otto der Grosse und seine Familie" sowie "Herrschaft und Reich" (auch noch die letzte Abteilung "Das ottonische Kaisertum in Europa" rechnet im Grunde hierzu) laeuft die Schau gleichsam zu ihrer Hochform auf. Hier ist ein guter Teil der erhaltenen, heute in aller Welt verstreuten Kunst- und Bildwerke aus dem 10. Jahrhundert zusammengefuehrt. Zu Recht aeusserte der Direktor des Kulturhistorischen Museums und Chef-Koordinator der Austellung die Befuerchtung, dass das Kulturerbe des 10. Jahrhunderts in Magdeburg unter ungluecklichen Umstaenden weitgehend ausgeloescht werden koennte. Nur einige hervorragende Stuecke und Komplexe seien hier stellvertretend besonders erwaehnt. Da ist einmal die tischgrosse "Heiratsurkunde" der Theophanu, ausgestellt anlaesslich der Hochzeit Ottos II. mit der Byzantinerin im Jahre 972, ein Stueck, das ueberhaupt keine direkte Parallele hat (III. 16). Der Text ist in Goldschrift gehalten, das Pergament gestaltet nach Art der kostbaren orientalischen Seidenstoffe mit Tierkampfszenen in Medaillons. Grundfarbe des Beschreibstoffes ist Purpur - eine Farbe, die in Byzanz dem Kaiserhause vorbehalten war. Die Prachturkunde ist dermassen singulaer, dass weder Kuenstler noch Werkstatt bisher ausgemacht werden konnten. Aehnlich verhaelt es sich mit den Magdeburger Elfenbeintafeln (V. 35). Otto der Grosse liess sie ca. 968 fuer seine Gruendung Magdeburg anfertigen. Sechzehn Stuecke sind erhalten geblieben, doch ist voellig unklar, was sie einst schmueckten: einen Altar oder Ambo, den Magdeburger Bischofsthron oder anderes. Die beiden abschliessenden Kapitel sind Magdeburg und den europaeischen Dimensionen von Ottos Kaisertum gewidmet. Leider bleibt "Magdeburg" selbst, das als "koenigliche Stadt" praesentiert wird, etwas blass, obwohl hier, oder vielleicht gerade: weil hier die beruehmten Elfenbeintafeln am Ort ihres Ursprungs zusammengefuehrt wurden und ohne Zweifel das Gravitationszentrum der Abteilung bilden. Daran schliesst sich ein ueber der Tuer als "Museumspaedagogik" ausgewiesener Trakt an, in dem in lockerer Folge Aspekte des Alltagslebens im Mittelalter, der Zeitrechnung und Zeiteinteilung u.ae. praesentiert werden. Sie fuehren hin zu einem Audio-Bereich, wo sich der Besucher ueber Kopfhoerer mit den Inhalten der verschiedenen Abteilungen vertraut machen kann. Die Vermittlung geschieht durch gesprochenen Text und eingeschaltete Interviews mit Fachwissenschaftlern, die an der Konzeption der Schau beteiligt waren. Ein attraktives museumsdidaktisches Aktionsprogramm wird im letzten Saal dieses Nebentrakts angeboten. Es richtet sich vor allem an Schulklassen und Jugendgruppen, aber auch Erwachsene duerfen sich daran versuchen. Auf den Tischen stehen Tintenfaesser und Gaensekiele bereit, mit denen man sich der hohen Kunst des Schreibens zu Zeiten Ottos des Grossen, annaehern kann. Nach Abschluss der Schreibstudien erhaelt man fuer das eigene Schreibprodukt ein ottonisches Wachssiegel, das im Originalverfahren auf der "Urkunde" angebracht wird. Wie manch andere Ausstellung hat auch die Magdeburger ihren kleinen Skandal, der bei der Besprechung des Multivisions-Traktes Erwaehnung finden muss. Dieser Bereich sollte dem Besucher eigentlich die Grabungsbefunde von der vermeintlichen Magdeburger Koenigspfalz Ottos des Grossen vor Augen fuehren und ihm einen "virtuellen Spaziergang" durch und um die Pfalzgebaeude ermoeglichen. Erst kurz vor der Eroeffnung der Ausstellung - und nach erfolgter Kennzeichnung der wenig noerdlich des Domes ausgegrabenen Fundamentreste sowie der Einrichtung einer Gedenkstaette an diesem Ort - verstaerkten sich die Hinweise darauf, dass dort nicht Teile eines Pfalzgebaeudes, sondern einer Kirche, aufgedeckt worden sind. Die Pfalz in Magdeburg also "weggeforscht" - fuer den Besucher, der nicht vom Fach ist, sind diese komplizierten Sachverhalte allerdings kaum erfassbar, geschweige denn nachvollziehbar. Ausserdem ist in diesem Bereich eine Dokumentation ueber Otto den Grossen zu sehen, die fuer den MDR produziert wurde. Die Ausstellung ist, insgesamt betrachtet und von einigen Kleinigkeiten abgesehen, gut geplant und organisiert, sie ist handwerklich hervorragend gemacht. Das beeindruckende Gebaeude des Kulturhistorischen Museums in der Otto-von-Guericke-Strasse, das die Ausstellung beherbergt, wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts als Museum errichtet. Es gibt der Ausstellung einen wuerdigen Rahmen. Vor dem Aufbau der Ausstellung wurde der ehemalige Festsaal mit dem restaurierten monumentalen Wandbild von Arthur Kampf ("Magdeburger Saal") wiederhergestellt und als Kaiser-Otto-Saal neu eingeweiht. Hier sind die Originale der Skulpturengruppe des Magdeburger Reiters vom Alten Markt, ein herausragendes Kunstwerk aus der Zeit um 1240, aufgestellt. Besonders beeindruckend ist neben dem breiten Panorama ottonenzeitlicher Kunst und Kultur, das in Magdeburg geboten wird, die gradlinige und "sparsame" Inszenierung, die den grossen Schatz an Bildern ohne Schnoerkel fuer sich wirken laesst. Nur gelegentlich sahen sich die Veranstalter veranlasst, staerker auf Urkunden und sonstige "Flachware" zurueckzugreifen - auch dies ein erwaehnenswertes Positivum. Inszenierungen fehlen dagegen fast voellig; die Magdeburg-Abteilung haette sicherlich durch die eine oder andere Ausgestaltung solcher Art gewonnen. Trotz erheblichen Andrangs - die Ausstellung erreichte schon kurze Zeit nach der Eroeffnung die urspruenglich erwartete Gesamtbesucherzahl - verzeichnete der Rezensent bei seinem Besuch eine ruhige und angenehme Besichtigungsatmosphaere; es herrschte nicht das bei Ausstellungen dieser Art vielfach anzutreffende Gedraenge vor den Vitrinen. Noch ein kleiner Mangel am Schluss! Am Treppenaufgang informiert eine Plakatwand zwar ueber ueber zwei weitere Ausstellungen in Bayern und Oberitalien, die mit der Magdeburger in Verbindung stehen sollen. Dazu gab es aber auch auf Nachfrage im Informationszentrum keine naeheren Informationen, und im schriftlichen Informationsmaterial sind nirgendwo Hinweise darauf enthalten, auch nicht auf der offiziellen Website. Fazit: Sehenswert! Eine Ausstellung, die Spass macht. Man sollte allerdings viel Zeit mitbringen. Mit einem zwei- oder dreistuendigen Durchgang ist es nicht getan. Katalog und Handbuch: In aehnlich gediegener Qualitaet wie die Ausstellung selbst praesentiert sich auch das zweibaendige Begleitbuch. Der erste Band enthaelt neben einem einfuehrenden Beitrag des Herausgebers und Ltd. Direktors des Kulturhistorischen Museums 36 Essays, geordnet nach den Abteilungen I bis VI der Schau. Verfasst von anerkannten Fachleuten, die sich meist um Allgemeinverstaendlichkeit bemuehen, bewegt sich der Umfang der Ausfuehrungen nicht immer, aber doch gewoehnlich in benutzerfreundlichen Rahmen. Das eroeffnet dem Besucher die Moeglichkeit, sich auch mal das eine oder andere Kapitel, worauf sein besonderes Interesse fallen mag, "vor Ort", in der Ausstellung, zur Lektuere vorzunehmen. Es faellt allerdings schon auf den ersten Blick ins Auge, wie ungleich die einzelnen Abteilungen besetzt sind. Waehrend beispielsweise in Abteilung I "Geschichte und Ueberlieferung" Gerd Althoffs Beitrag zu Ottos des Grossen Darstellung in der ottonischen Geschichtsschreibung allein auf weiter Flur steht, draengeln sich in der Abteilung IV "Reich und Herrschaft" neben den wenigen Beitraegen, die wirklich zentral zu diesem Thema gehoeren, nicht wenige, bei denen man ins Stutzen kommt. Denn hier wird mehr zu Kirche, Kultur und Kunstproduktion der ottonischen Epoche gesagt als zu "Reich und Herrschaft", wenn die Titel-Formel nicht so weit geoeffnet werden sollte, dass im Grunde der ganze Band unter ihr laufen koennte. Was hat beispielsweise Rosamond McKittericks "Ottonische Kultur und Bildung", was haben Clemens Koschs Aufsatz "Zur ortsfesten Ausstattung der Kirchen..." und Victor H. Elberns Bemerkungen "Ueber die mobile Ausstattung der Kirchen..." und schliesslich die von Rainer Kashnitz bzw. Matthias Exner ueber Buch- und Wandmalerei jener Zeit hier zu suchen? Ganz abgesehen davon, dass in der Ausstellung die "ottonische Wandmalerei" ohnehin kaum thematisiert wird. Auf diesem Feld muessten die genauen Verbindungslinien zwischen den (wenigen erhaltenen kirchlichen) Monumenten und ottonischer "Herrschaft und Reich" erst noch aufgezeigt werden. Bei einigen anderen Kapiteln bzw. Abteilungen verhaelt es sich aehnlich. Hier tut sich, wie es scheint, das ganze Dilemma auf, das auch beim Besuch der Ausstellung schon aufgefallen war, und das wohl vor allem in der Gesamtkonzeption und - zu geringerem Teil - daneben auch in der Koordination von Schau und Begleitbuch begruendet liegt. Dabei ist die Ottonen-Ausstellung wie kaum eine andere ausserordentlich sorgfaeltig und ueber lange Jahre vorbereitet worden, deren Konzeption in der Planungsphase durch ein wissenschaftliches Symposion flankiert worden ist (die Beitraege sind mittlerweile publiziert, siehe oben). Trotzdem scheint die konzeptionelle Verbindung von ottonischer Epoche, von lokalem Bezug (Magdeburg) und schliesslich noch einem uebergeordneten europaeischen Aspekt (Kaisertum in Europa) kaum mit zufriedenstellendem Resultat realisierbar zu sein. Es gibt zwar eine Einfuehrung in das Thema, in der indes wenig ueber das Konzept und garnichts ueber die Realisation und ausstellungspraktische Umsetzung desselben gesagt ist. Eines geht aber aus den wenigen Bemerkungen weiter oben hervor: die Ausstellung vermag es nicht, "die Epoche Ottos des Grossen in ihrer Gesamtheit lebendig" werden zu lassen, wie beispielsweise das Grusswort des Bundespraesidenten postuliert (S. IX). Zu stark wirken die Verwerfungen, die offenbar nicht zuletzt aus dem Versuch resultieren, zu Unterschiedliches mithilfe des Amalgams Magdeburg organisch miteinander zu verbinden. Es ist im Grunde eine exzellent ausgestattete und praesentierte Schau zu einigen Aspekten "Ottonischer Kunst und Kultur in Magdeburg, Sachsen und Europa". ---------------------------------------------------------------------- Copyright (c) 2001 by VL-Museen, 'Museum Professionals', all rights reserved. This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and the list. For other permission, please contact editor@museumslist.net . If you like to review a exhibiton, book or media on museological topic, please contact: marra@museumslist.net WWW: http://www.museumslist.net | http://www.VL-Museen.de
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