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---------------------------------------------------------------------------- Ulrike Goeschen, Vom sozialistischen Realismus zur Kunst im Sozialismus. Die Rezeption der Moderne in Kunst und Kunstwissenschaft der DDR, Zeitgeschichtliche Forschungen, Bd.8, Berlin, Duncker & Humblot, 2001, 445 S., ISBN 3-428-10089-1, DM 68,00. Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult und "Museum Professionals" von: Gerd Dietrich, Humboldt-Universität zu Berlin, Lehrstuhl für Zeitgeschichte Email: DietrichG@geschichte.hu-berlin.de "Bilderstreit" und "Kulturkampf" seit 1990: erregte Debatten ueber die DDR-Malerei in der Berliner Nationalgalerie, der Beeskower Bilderkammer, der Weimarer Schau "Aufstieg und Fall der Moderne usw., von der derben Beschimpfung: "Keine Kuenstler, keine Maler, keiner von denen hat je ein Bild gemalt", [1] bis zu den vielzitierten pauschalen Urteilen "Auftragskunst" bzw. "Staatskunst" - die Fronten sind alt, der kalte Krieg findet immer noch statt. Natuerlich ist das auch ein Stellvertreterkrieg und Interessenpolitik auf dem gegenwaertigen Kunstmarkt. Da wirkt es schon wohltuend, wenn einem ein Buch in die Haende faellt, das die Kunst aus der DDR unaufgeregt und vorurteilsfrei als "andere deutsche Kunst" betrachtet und das die Schwerpunkte neu setzen will, "um sie von dem diskreditierenden Verstaendnis einer staatlichen 'Auftragskunst' zu befreien." (S.9) Nach Guenter Erbes verdienstvollem Band zur Literatur [2] legt Ulrike Goeschen nun fuer die bildende Kunst eine adaequate Untersuchung vor. Auch sie widmet sich dem Dreiecksverhaeltnis von Kunstpolitik, Kunstwissenschaft und Kunstproduktion bei der Rezeption der verfemten Moderne in der DDR. Ihre Ausgangsfrage ist: Wie konnte es zur Erosion des Kanons des sozialistischen Realismus von innen heraus und zur Erweiterung der kuenstlerischen Landschaft kommen?. Waehrend westliche Autoren diese Frage zumeist mit einer Abwaegung des Verhaeltnisses von Kunst und Kulturpolitik beantworten, versucht Ulrike Goeschen statt dessen, "eine innere Logik der Entwicklung zu rekonstruieren, in Anbetracht dessen, dass die Forderungen der offiziellen Kulturpolitik stets die gleichen blieben... Es soll nachvollziehbar werden, wie die Kunst mit Hilfe der Kunstwissenschaft sich die klassische Moderne der Kunst der 10er und insbesondere der 20er Jahre als Anknuepfungspunkt zurueckerobert hat." (S.10) Gegenstand der Arbeit sind darum weniger die Schwierigkeiten und Behinderungen, denen die Kuenstler ausgesetzt waren, als vor allem die signifikanten Diskussionen, die "den Bezug zur Moderne" herstellten und "als Bewegungsmomente der Kunstentwicklung" wichtig geworden sind. (S.11) Historisch hat Ulrike Goeschen dabei, im Unterschied zu Guenter Erbe, zwar nur den Zeitraum bis zum Ende der 60er Jahre im Auge. Aber sie geht begruendet davon aus, dass die Weichen zur Rueckeroberung der Moderne in der zweiten Haelfte der 60er Jahre bereits alle gestellt waren. Eine weitergehende Periodisierung nimmt sie allerdings nicht vor und die Chronologie geraet ihr mitunter durcheinander. Die verstaendliche Beschraenkung auf die 50er und 60er Jahre bedeutet, dass die erste Kuenstlergeneration im Mittelpunkt steht. Dieser war es massgeblich zu danken, "dass die stalinistische Phase in der Kunst der DDR so kurz und wenig ausgepraegt blieb." Denn sie alle waren in der Moderne verwurzelt, "sie brachten jene expressionistischen, veristischen und neusachlichen Traditionen mit, die fuer die Kunst in der DDR so praegend geworden sind." (S.71) Ihre Bemuehungen und Ziele wurden von undogmatischen Kunstwissenschaftlern unterstuetzt, die ebenso energisch fuer die Anerkennung einer deutschen Traditionslinie linker und proletarischer Kunst wirkten, wie sie von der stalinistischen Kunstpolitik lange Zeit abgelehnt, ja bekaempft wurde. Die 1997 an der Freien Universitaet Berlin eingereichte Dissertation wertet eine Fuelle archivalischen Quellenmaterials aus. In einem Dokumententeil werden davon 38 bisher unpublizierte und aufschlussreiche Dokumente und in einem Anhang nochmals fuenf Dokumente: die nicht veroeffentlichten Reden auf dem V. Kongress des Verbandes Bildenden Kuenstler 1964, Artikel aus der "Roten Fahne" und der weitgehend unbekannte Text Fritz Cremers zum Geleit der Ausstellung "Junge Kunst" der Akademie von 1961 veroeffentlicht. Die beiden ersten Kapitel stellen die Voraussetzungen der Kulturpolitik und die historischen Ausgangsbedingungen nach 1945 dar: Sozialistische Realismuskonzeptionen, Expressionismusdebatte und kulturpolitische Wandlungen aus den 30er Jahren, das Projekt der Umerziehung, den antifaschistischen Konsens, den Kulturbund in der SBZ und die Kulturoffiziere der SMAD in den 40er Jahren sowie die Institutionalisierung der Kunst, die Formalismusdebatte und den Stalinismus in der bildenden Kunst Ende der 40er / Anfang der 50er Jahre. Zwar schien es im Fruehjahr 1953 so, als haette die SED-Fuehrung kraft ihrer kulturpolitischen Hebel das Ziel erreicht, die Kunst zu funktionalisieren, auf das sowjetische Vorbild auszurichten und ihre aesthetischen Vorstellungen durchzusetzen. Doch trug schon die Parteikunst jener Zeit eigene Zuege, war sie eher ein Kompromiss zwischen den starren Vorstellungen der Kulturpolitiker und den Anliegen der Kuenstler. Da freilich der konkrete Feind der stalinistischen Kunstpolitik nicht etwa die "imperialistische Kulturbarbarei des Westen", sondern die kritischen Kuenstler in den eigenen Reihen geblieben waren, nutzten diese im Gegenzug die mit dem 17. Juni 1953 gegebene Chance, sich zu wehren und die harte Linie der SED nachhaltig aufzuweichen. Die folgenden vier Kapitel der Arbeit sind thematisch orientiert und haben, notwendig selektiv, jeweils die 50er und 60er Jahre mit einigen Ausfluegen in die 70er im Blick. Zwar blieb die Kluft zwischen Kulturpolitik und Kuenstlern bestehen, doch durch den Widerstand der Kuenstler und die Vermittlungsinstanz Kunstwissenschaft wurden die sowjetisch stalinistischen Positionen zurueckgedraengt. Kap. III behandelt die Aufarbeitung und Anerkennung der deutschen proletarisch-revolutionaeren Kunst der 20er und 30er als Tradition des "sozialistischen Realismus", einschliesslich der Hereinnahme des kritischen Realismus in diese Tradition.. Damit konnten nicht nur kritische anstelle von rein affirmativen Momenten, sondern auch die formalen Moeglichkeiten der Kunst erweitert werden. "In einem naechsten Schritt begann die Historisierung der Kunst und des Werdegangs dieser ersten Generation. Diese Historisierung sollte sich letztlich fuer die Kunst in der DDR als praegender erweisen als die kulturpolitischen Lenkungsversuche der Partei." (S.76) Die Integration des Expressionismus umreisst Kap. IV. An Beispielen wie der Barlach - Diskussion von 1951, der Einbeziehung des Expressionismus in die nationale und antifaschistische Tradition und in kuenstlerische Synthesen, die zunaechst umstritten, bald zu Inkunabeln der Malerei in der DDR wurden, sowie der Beschaeftigung mit dem Expressionismus in Publikationen und Wissenschaft wird gezeigt, wie die dogmatischen Sichtweisen zurueckgedraengt wurden. "Um 1957 galt in gemaessigten Kreisen, dass zwar die Parteilichkeit das entscheidende Kriterium sei, der Kuenstler aber in der Wahl der Formen eher frei Hand haben sollte. Dogmatische Kreise dagegen lehnten den Expressionismus aus ideologischen Gruenden rundheraus ab und verwarfen deshalb auch seine Aesthetik." (S.109/110) Den eigentlichen Anstoss zur Umwertung des Expressionismus gaben dann sowjetische Wissenschaftler Ende der 50er/ Anfang der 60er Jahre. Das umfangreichste Kap. V ist der Diskussion der modernen Mittel gewidmet. In konkreten Haltungen einzelner Kuenstler und Kunstwissenschaftler und an Stationen, wie der antistalinistischen Kritik 1956/57, der Entfremdungsdebatte Anfang der 60er, der Diskussion um und auf dem V. "Skandalkongress" 1964, vollzog sich die Verabschiedung der "harten Linie der Doktrin, die eine bestimmte, als national ausgegebene Formgebung gefordert hatte", (S.118) und die Durchsetzung der Position, dass auch mit den "Mitteln der Moderne Bilder mit sozialistischem Gehalt" (S.129) geschaffen werden koennen. Zwar blieben die Dogmatiker auch spaeter noch bei der Auffassung, dass Kunst des "sozialistischen Realismus" mit "spaetbuergerlicher Kunst" unvereinbar sei, aber eine erweiterte Erbekonzeption ermoeglichte zugleich die Adaption der modernen Kunst. Kap. VI stellt die Rehabilitierung des Konstruktivismus, einschliesslich des in den 50ern verfemten Bauhauses, in den 60er und 70er Jahren dar, die vor allem durch den zunehmenden Einfluss der industriellen Formgestaltung , durch die Architekturtheorie und das industrielle Bauen sowie durch Konzepte komplexer Umweltgestaltung befoerdert wurde. Zugleich zeichnet Ulrike Goeschen hier die schwierige Rezeption des Werkes von Oskar Nerlinger, John Heartfield und Hermann Gloeckner in der DDR nach. An dieser Stelle sei gesagt: Das Buch ist auch deshalb lesenswert, weil die Darstellung sehr personenorientiert ist, die Auseinandersetzungen mit konkreten Namen verbunden sind. Der Leser kann sich gut ueber die dogmatische Kulturpolitik der Abuschs, Kurellas und Ulbrichts und ihrer Adepten informieren. Er findet solche aufrechten Kuenstler wie Fritz Cremer, Rene Graetz, Hans und Lea Grundig, Arno Mohr, Otto Nagel, Herbert Sandberg, Horst Strempel u.a. gewuerdigt wie er auch deren Anpassungsleistungen und -zwaenge erkennen kann. Und er erhaelt praezise Analysen kunstwissenschaftlicher Positionen so unterschiedlicher Vertreter ihrer Zunft wie Siegfried H. Begenau, Guenter und Peter H. Feist, Heinz und Karin Hirdina, Wolfgang Huett, Ulrich Kuhirt, Lothar Kuehne, Lothar Lang, Herbert Letsch, Heinz Luedecke, Harald Olbrich, Hermann Raum, Horst Redeker und Diether Schmidt. Allerdings ist es ein Manko, dass die Autorin Lu Maertens Werk und seine Wirkungen uebersehen hat. [3] Der herauszustellende wissenschaftliche Ertrag der Arbeit ist die Darstellung der sich gegen Widerstaende durchsetzenden Aufarbeitung der Kunst der 20er Jahre als legitimer Tradition der Kunst in der DDR. Das wurde nicht nur dem Selbstverstaendnis der Kuenstler gerecht, sondern entfernte sich auch weit vom Widerspiegelungspostulat und der Vorbildfunktion sowjetischer Kunst. Ulrike Goeschen liefert ueberzeugende Argumente fuer eine Historisierung der DDR-Kunst. Sie will damit die Auffassung stuetzten, dass diese Kunst in den ersten Nachkriegsjahren und nicht in der stalinistischen Phase von 1949 bis 1953 begruendet worden war. Die spezifische Anknuepfung an die nationalen Traditionen der Moderne gab der Kunst in der DDR ihren eigenen Charakter. Dabei wurde der Begriff des "sozialistischen Realismus" allmaehlich aufgeloest bzw. mit dem Begriff von Kunst in der DDR ueberhaupt identisch. Fuer die 70er und 80er Jahre waere eine solche Feststellung dann wohl nicht mehr zutreffend. Doch eine Fortschreibung der Arbeit fuer diesen Zeitraum steht noch aus. Anmerkungen: [1] "Ein Meister, der Talent verschmaeht". Interview von Axel Hecht und Alfred Welti mit Georg Baselitz. In: art 1990, H.6, S. 70. [2] Vgl. Guenter Erbe: Die verfemte Moderne. Die Auseinandersetzung mit dem "Modernismus" in Kulturpolitik, Literaturwissenschaft und Literatur der DDR, Opladen 1993. [3] Vgl. Lu Maerten: Wesen und Veraenderung der Formen der Kuenste. Resultate historisch-materialistischer Untersuchungen, Weimar 1949. Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit H-Soz-u-Kult (Humboldt-Universitaet Berlin). Diese Rezension wurde redaktionell betreut von Vera Ziegeldorf <ziegeldorfvera@geschichte.hu-berlin.de> ----------------------------------------------- Copyright (c) 2001 by H-SOZ-U-KULT (H-NET), all rights reserved. This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and the list. For other permission, please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU. If you like to review an exhibiton, book or media on museological topic, please contact: editor@museumslist.net
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