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[This mail contains an exhibition review about the exhibition "Bayern - Ungarn / Bavaria - Hungary" in German language.] From: "Rainer Atzbach" <rainer.atzbach@ggeo.uni-bamberg.de> Subject: REZ: Bayern und Ungarn Date: Tue, 24 Jul 2001 12:21:35 +0200 ----------------------------------------------------------------- Bayern - Ungarn. Tausend Jahre Bayerische Landesausstellung 2001 Oberhausmuseum Passau 8. Mai bis 28. Oktober 2001 Katalog: Jahn, Wolfgang u.a. (Hg.): Bayern Ungarn: Tausend Jahre. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2001 im Oberhausmuseum Passau, 8. Mai bis 28. Oktober 2001. Augsburg: Haus der Bayerischen Geschichte, 2001 [= Veroeffentlichungen zur Bayerischen Gewschichte und Kultur; 43]. 407 Seiten, zahlr. Abb.; ISBN 3-927233-78-1, brosch., DM 26,- WWW: http://www.oberhausmuseum.de/museum/bayern-ungarn-index.html http://www.bayern.de/HDBG/ungarn/index.htm Rezensiert fuer VL Museen und "Museum Professionals" von: Rainer Atzbach M.A. <rainer.atzbach@ggeo.uni-bamberg.de> Lehrstuhl fuer Archaeologie des Mittelalters und der Neuzeit, Universitaet Bamberg Die Ausstellung: Die aktuelle Landesausstellung des Hauses der Bayerischen Geschichte widmet sich der Geschichte Bayerns und Ungarns. Ohne Bezug auf ein konkretes Datum wird ein bunter Bilderbogen ueber die letzten tausend Jahre ausgebreitet, der besonders die Gemeinsamkeiten beider Regionen zeigen soll. Die Konzeption setzt hierzu ausschliesslich auf die Wirkung der Exponate. Die Einfuehrungstexte der Sektionen sind extrem kurz gehalten und tragen nur wenig zum Verstaendnis des Gesehenen bei. Leider helfen auch die Objektbeschriftungen kaum weiter, da sie mehr als assoziierende Kommentare denn als Erklaerung gedacht sind und zudem die Zuordnung oft unklar ist. Fuer ein fundiertes Verstaendnis ist deshalb die Teilnahme an einer Fuehrung unerlaesslich. Sehr erfreulich ist dagegen die Gestaltung des reich bebilderten Katalogs. Er folgt der Ausstellungsgliederung, bietet jedoch nicht nur von Experten praegnant formulierte Einleitungen, sondern auch gute Beschreibungen und Einordnungen der Exponate. Erst durch die Lektuere erschliesst sich die eigentlich intendierte Information: Der Bamberger Reiter ist Koenig Stephan der Heilige, das weiss in Ungarn jedes Kind. Auch wenn diese Theorie unter Kunsthistorikern mehr als umstritten ist, bildet eine sehenswerte Farbrekonstruktion des bekannten Standbilds den Auftakt zur Ausstellung. Der Rundgang beginnt im Abschnitt "Kreuz und Krone" mit der Taufe des ungarischen Fuerstensohnes Vajk, der den christlichen Namen Stephan annahm, 995/96 die bayerische Herzogstochter Gisela, Schwester Kaiser Heinrichs II., heiratete und das mittelalterliche ungarische Koenigtum in enger Anlehnung an das Roemisch-Deutsche Kaiserreich begruendete. Stephans Verdienste um die Neuorganisation der Herrschaft, aber auch die Christianisierung seiner Heimat waren so weitreichend, dass er bis heute als Nationalheiliger verehrt wird. Zugleich symbolisiert seine Eheschliessung die nun vorwiegend friedlichen Kontakte zum (damals tatsaechlichem) Nachbarland Bayern. Der folgende Bereich "Nachbarn-Feinde-Freunde" widmet sich den facettenreichen politischen Beziehungen der mittelalterlichen Ungarn zu ihren westlichen Nachbarn: Das mit den Finnen weitlaeufig verwandte heidnische Reitervolk zog ab der Mitte des 9. Jahrhunderts pluendernd nach Zentraleuropa, wobei die Rolle Bayerns zwischen Gegner, Opfer und Helfershelfer schwankte. Der Sieg Ottos des Grossen ueber die "neuen Hunnen" in der Schlacht auf dem Lechfeld markiert den Wendepunkt und die friedliche Oeffnung nach Westen. Seitdem lebte die Erinnerung an die kriegerische Vergangenheit im Nibelungenlied weiter, dessen reich illuminierte Hundeshagensche Handschrift b zu bewundern ist. Mit der Christianisierung Ungarns verdichteten sich auch die dynastischen Verknuepfungen mit Bayern: die Heilige Elisabeth ist Tochter des ungarischen Koenigs Andreas II. und der Andechs-Meranierin Gertrud. Mit dem gluecklosen Otto III. von Niederbayern wird ein Bayer sogar kurze Zeit Koenig von Ungarn. Die Sektion "Staedte-Maerkte-Strassen" beleuchtet die wirtschaftlichen Kontakte zwischen Ungarn und Deutschen. Hier geht es vor allem um die Bedeutung der deutschen Zuwanderer in die unwirtlichen Grenzregionen Siebenbuergens und der Zips. Sie sicherten mit ihren befestigten Siedlungen und Kirchenburgen die Grenze, erschlossen aber auch die reichen Bodenschaetze des Karpatenbogens. Dort entstanden deutsche Siedlungsinseln eigenen Rechts und eigener Kultur in Beibehaltung und Abwandlung des Mitgebrachten. In der Gegenrichtung bewegten sich die ungarischen Rinderherden: riesige Viehtrecks aus der Puszta versorgten Mitteleuropa im Spaetmittelalter mit dem begehrten Fleisch. Sowohl der Fleisch- als auch der Metallexport wurde von Augsburger und Regensburger Kaufleuten kontrolliert, ihre Gelder, Faktoreien und Mittelsmaenner beherrschten den eintraeglichen Ungarnhandel. Der Abschnitt "Ungarns Bluete" widmet sich der Zeit und Person des Koenigs Matthias Corvinus, der als erfolgreicher Kriegsherr und Foerderer der Renaissance in die Geschichte einging. Er fuehrte Ungarn zu seiner groessten Ausdehnung: sein Reich erstreckte sich von der Wachau bis nach Siebenbuergen, von der Adria bis in die Lausitz. Auch Bayern gehoerte zum Einflussbereich des grossen Koenigs: Herzog Christoph der Starke tat Dienst am ungarischen Hof, sein Prunkschwert ist Glanzstueck und Symbol der Ausstellung. Sehenswert sind auch die Inkunabeln und Handschriften aus der koeniglichen Hofbibliothek, einst die umfangreichste weltliche Buechersammlung Europas. Auch Bayern partizipierte an Ungarns Kunst: der Ungar Albrecht Duerer d.Ae. fand im fraenkischen Nuernberg eine neue Heimat. Diese Bluete fand 1526 mit der vernichtenden Niederlage des ungarischen Ritterheeres bei Mohács ein Ende, es begann "Die Tuerkenzeit". Vom christlichen Koenigreich Ungarn blieb nur das westliche Drittel unter habsburgischer Herrschaft, Siebenbuergen unterwarf sich dem Sultan und genoss dafuer weitgehende Autonomie. Die Ausstellung dokumentiert das langjaehrige Ringen um die Rueckeroberung bis 1686 mit Waffen und Beutestuecken aus den wechselhaften Kaempfen, aber auch den Fortbestand der deutschen Enklaven, die sich unter osmanischer Oberhoheit dem Protestantismus oeffneten. Bayerische Truppen waren massgeblich am habsburgischen Erfolg in Ungarn beteiligt, doch gelang es nicht, die Siege zu nutzen. Waehrend das Erzherzogtum Oesterreich unter Kaiserin Maria Theresia zu einer europaeischen Grossmacht aufstieg, wurden die Wittelsbachischen Plaene mit ungarischer Waffenhilfe vereitelt. Nach der verlustreichen Rueckeroberung bot sich das kriegsverwuestete Ungarn als gelobtes Land fuer viele deutsche Zuwanderer dar. Sie gruendeten "Der Donau entlang" neue Siedlungen. Anders als im Mittelalter folgten keine begehrten Spezialisten der koeniglichen Einladung, vielmehr kamen "klassische" Wirtschaftsfluechtlinge wie Landlose, Tageloehner und Menschen ohne Perspektive in der alten Heimat. Sie formierten keine glanzvolle Exilkultur, ihr eindruecklichstes Zeugnis in der Ausstellung sind Tondokumente, die die alten Dialekte ihrer Heimat hoeren lassen. Der Themenbereich "Im Zeitstrom - Von der Revolution zum Goldenen Zeitalter" begnuegt sich mit der Bebilderung des 19. Jahrhunderts: Hier sind vor allem Gemaelde der ungarischen Kuenstlerkolonie in Muenchen und der bekanntesten Bayerin in Ungarn, Koenigin Elisabeth ("Sissi"), zu sehen. Den Abschluss bilden "Stationen im 20. Jahrhundert". Die Darstellung reicht vom Untergang des alten Ungarn im Vertrag von Trianon bis zur Niederschlagung des verzweifelten Aufstands von 1956 in Zeitzeugenberichten. Zur Abrundung des neuen Ungarn-Bildes duerfen hier auch die "Piroschka"- und "Sissi"-Filme nicht fehlen. Fazit: Wer die schoene Stadt Passau besucht, fuer den ist an einem Regentag auch der Besuch der neuen Landesausstellung lohnend, wenn er oder sie an einer Fuehrung teilnimmt. Wer sich ueber die Gemeinsamkeiten der Geschichte Bayerns und Ungarns oder aber ueber die Kultur der deutschen Zuwanderer im alten Ungarn informieren moechte, dem sei der Erwerb des Katalogs dringend empfohlen. ------------------------------------------------ Copyright (c) 2001 by VL-Museums and "Museum Professionals" all rights reserved. This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and the list. For other permission, please contact editor@museumslist.net . If you like to review a exhibiton, book or media on museological topic, please contact: editor@museumslist.net
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