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[Editor's note: This mail contains a German review about an exhibition on witchcraft in Hamburg/DE.] From: "Klaus Graf" <graf@uni-koblenz.de> Subject: REV-EX: Hexenwelten, Hamburg Date: Sun, 19 Aug 2001 10:31:17 +0200 -------------------------------------------- Hexenwelten. Der magische Reichtum des Museums. Museum fuer Voelkerkunde Hamburg 2.5.2001 bis 1.4.2002 Rezensiert fuer "Liste Hexenforschung" und "Museum Professionals" von Susanne Rau, TU Dresden Wahn oder Wirklichkeit? Schein oder Sein? - Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Besucherin der Ausstellung Hexenwelten, die unter der Leitung des wissenschaftlichen Ausstellungsteams von Clara Himmelheber, Wulf Koepke, Jeanette Kokott und Bernd Schmelz aufgebaut und am 2.5.2001 im Hamburger Voelkerkundemuseum eroeffnet wurde. Das leise Rascheln im Unterholz, Knistern bei jedem Schritt, uneindeutig verortbare Schreie aus der Tiefe des Waldes und dort - ein paar Schritte weitergehend - ein dampfender Kessel ueber einer Feuerstelle, keine Menschen in dem duesteren Wald... Unwillkuerlich stellen sich Erinnerungen an "The Blair Witch Project" ein, jenen amerikanischen Low-Budget-Film, der im Jahr 1999 schon vor dem Kinostart durch die Verbreitung von Interviews mit den Hinterbliebenen einiger angeblich in einem Wald verschwundenen Jugendlichen via Internet Furore machte und dann als Film erst recht Scharen von neugierigen Besuchern in die Kinos lockte. An den Eingangsbereich - gewissermassen dem Antichambre der "Hexenwelt"-Ausstellung, in welchem die Besucherin darauf getestet wird, ob sie den Schauer ertragen kann oder doch lieber wieder kehrtmacht - schliessen sich drei parallel angelegte Raeume an, deren mittlerer am Ende in einen runden Saal uebergeht, der speziell den Hexen als weltweitem Phaenomen gewidmet ist. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Ausstellung ist so interessant konzipiert, dass sie vielen Besuchern einen Einblick in das Phaenomen der "Hexe" - einst und heute - bieten kann und wartet auch mit einigen kleinen Sensationen auf (z. B. mit der Amulett-Sammlung des Siegfried Seligmann). Leider aber wird gerade das "Einst" und "Heute", das "Hier" und "Dort" analytisch nicht genug getrennt; manche Tafeln vermitteln den Eindruck, als handle es sich bei den verschiedenen Erscheinungen des Hexenglaubens um Konstanten; es fehlt ein wenig die historische Perspektive. Problematisch ist m. E. auch die den Besuchern von den Ausstellungsmachern mit nach Hause gegebene offene Frage, ob Hexen denn nun "Wahn oder Wirklichkeit" sind. Paedagogisch wertvoller waere es sicher gewesen, zusammenfassend nochmals nach den Gruenden fuer den "Wahn" (einschliesslich des Verfolgungswahns) zu fragen. Sehen wir uns einige Objekte genauer an. Der mittlere der drei Raeume ist Aspekten des (europaeischen) Hexenbildes gewidmet. Eine Tafel ueber das gegensaetzliche Frauenbild der "keuschen Jungfrau" und "Eva", der Verfuehrerin, stellt ein verbreitetes Deutungsmuster vor, mit dem sich die Entstehung der negativ belegten Figur der Teufelsbuhlin (der Liebhaberin des Teufels, die als Gegenleistung fuer den Pakt magische Kraefte erhaelt, die ihr die Moeglichkeit verleihen, anderen Menschen zu schaden) ebenso erklaeren laesst wie der im 15. Jahrhundert aufkommende Verdacht, Hebammen koennten Kindsmoerderinnen sein. Aufgrund ihres Abtreibungswissens wurde Hebammen u. a. unterstellt, sie toeteten Kinder nach der Geburt, um kindliche Koerperteile fuer die Zubereitung von Hexensalben zu verwenden. Hier waere allerdings ein Hinweis auf die in den 1980er Jahren gefuehrte Debatte (oder wenigstens deren Konsequenzen) um die von zwei Bremer Soziologen in Umlauf gebrachte, sehr umstrittene (!) These von den weisen Frauen als Hexen nicht fehl am Platz gewesen. [1] In gleicher Weise wie den Hebammen konnte es Kraeuterfrauen ergehen, deren positives Wissen um die heilende Kraft der Kraeuter im Zuge des Hexenwahns uminterpretiert werden konnte. Die Frauen wurden infolgedessen zu Kraeuter-"Hexen" oder Giftmischerinnen, die fuer Missernten oder Tierseuchen verantwortlich gemacht wurden. Nicht nur ein Schmuckstueck, sondern geradezu ein Schatz des ganzen Raumes bildet die Amulettsammlung des Hamburger Augenarztes Dr. Siegfried Seligmann (1870-1926). Die rund 1500 Objekte umfassende Sammlung von magischen Heil-, Schutz- und Zaubermitteln aus aller Welt ist 1927 in das Museum gelangt und wird hier erstmals vollstaendig ausgestellt. In mehreren Glasvitrinen sind Amulette, die meist am Koerper getragen wurden, aus verschiedenen Materialien, auch aus tierischen und pflanzlichen Substanzen, ausgestellt, teils benannt und deren angebliche Wirkungsweise erklaert: Maulwurfspfoten, Blutsteine, die Rose von Jericho, Fatima-Anhaenger oder Schluckmadonnen (die gegen Heiserkeit wirken sollen). Schoen waere, wenn die Amulette nicht nur den Kulturen, in denen sie gebraucht wurden und werden, sondern auch praeziser den Zeiten oder Epochen zugeordnet waeren. Statt dessen ist auf den Erklaerungstafeln immer wieder zu lesen: "schrieb man", "fand man", "galten" u. dgl. So entsteht leicht der Eindruck, als seien Amulette ein universales, ueberzeitliches Phaenomen, das es "immer schon" gab und denen zu allen Zeiten dieselben Wirkweisen zugeschrieben wurden. Am Ende des Raumes befindet sich eine Tafel zum Hexensabbat, als bildliche Illustration dazu eine Darstellung von Michael Herrs "Hexensabbat auf dem Blocksberg" von 1650. (Wer war Michael Herr? Es ist wohl kaum vorauszusetzen, dass ein Kuenstler, der nicht einmal in einem gaengigen Konversationslexikon verzeichnet ist, allgemein bekannt ist.) Als Gegenbild zur christlichen Paradiesvorstellung habe sich in der Fruehen Neuzeit die Vorstellung vom Pandaemonium des Hexensabbats entwickelt - als Resultat des typisch abendlaendischen Dualismus' von Gut und Boese. Die Besucherin kann sich in einem ausliegenden Buch dann auch zu der Frage aeussern, was fuer sie Gut und Boese sei. Sich in den rechten Raum begebend (in umgekehrter Richtung) ist vieles von dem zu finden, womit wir seit unserer Kindheit vertraut sind: dem Hexenhaeuschen, ausgestattet mit den wichtigsten Klischees wie Besen und alter, hakennasiger Frau. Auf einer Tafel ist zu erfahren, dass die Gebrueder Grimm "Haensel und Gretel" rund 35 Jahre nach der letzten Hexenverbrennung in Deutschland aufgezeichnet haben, zu einer Zeit also, als die realen Aengste vor Hexen oder uebernatuerlichen Kraeften noch lebendig gewesen seien und historische Realitaeten Eingang ins Maerchen gefunden haben; so die Absicht der Hexe, die Kinder zu verspeisen, oder der Feuertod der Hexe. Wichtig ist dabei auch der Hinweis, dass die Hexenfigur in Erzaehlungen nicht immer nur negativ sein muss: In russischen Maerchen ist die Hexe beispielsweise auch Helferin oder Beschuetzerin. Mindestens so bekannt wie "Haensel und Gretel" duerfte heute auch "Harry Potter" sein, dem ein eigener Raum gewidmet ist. Die Romanfigur war auch das Motto eines von mehreren Aktionsprogrammen fuer Kinder und Jugendliche: Am 7.7. konnten alle Harry-Potter-Fans mit Hexenmusik und Zaubertraenken das Ende des Schuljahres feiern. Doch nicht nur in Maerchen und Erzaehlung, sondern auch in den Massenmedien unserer Zeit sind die Hexen praesent. Die Mitarbeiter des Hamburger Hexenarchivs, [2] das jeden Donnerstag von 16 bis 19 Uhr seine Pforten fuer Sprechstunden oeffnet, sammeln u. a. die Berichterstattung ueber Hexen in den Printmedien. In diesem Raum ist neben der Berichterstattung ueber satanische Sekten, Grabschaendungen und Kindsmorde auch etwas ueber die positive Umdeutung des Hexenbildes seit den 1970er Jahren zu erfahren, die massgeblich auf die Frauen- und Oekologiebewegung zurueckgehe. 1977 fand in Italien eine von Frauen getragene Protestaktion gegen Vergewaltigung und gegen den Abtreibungsparagraphen statt, waehrend der die Hexenfigur mit den Attributen der weiblichen Kraft und naturverbundenen Weisheit versehen und zum Leitbild der Bewegung gemacht wurde. Auch die New Age-Bewegung mit ihren spirituellen Zirkeln waehlte die Hexe als Identifikationsfigur; Mitglieder bezeichnen sich mitunter selbst als Hexen. Am gelungensten ist der dritte der drei Parallelraeume, in dem ein fruehneuzeitliches Strassenbild rekonstruiert ist: 1676 fand in Wilster bei Hamburg der Hexenprozess der Trineke Evers statt, der in sechs Szenen (Verhaftung, Zeugenbefragung, Gestaendnis unter peinlicher Befragung, Besagungen, Verbrennung) nachgestellt ist und der durch das Abhoeren von Tonbaendern, auf denen die Szenen, basierend auf Zitaten aus den Originalakten, nachgesprochen sind. In demselben Raum befinden sich Buechervitrinen (z. B. mit Jean Bodins "De magorum daemonia"), Tafeln, auf denen sowohl Befuerworter wie Gegner der Hexenverfolgung bzw. Kritiker des gerichtlichen Verfahrens aufgelistet sind, und eine chronologisch angelegte Tabelle, auf der die Hamburger Hexenprozesse von 1444 bis 1701/02 aufgefuehrt sind. Insgesamt 14 Prozesse werden aufgelistet, bei denen die Anklage allerdings nicht nur auf Hexerei, sondern auch auf Schadenzauber und Zauberei lautete. Vage bleibt, ob es sich bei der Anzahl von 14 um alle nachzuweisenden Anklagen und Prozesse gehandelt haben soll. De facto waren es in Hamburg - wenngleich kein Ort von Massenverfolgungen - mindestens 40. Eine Vitrine mit Folter- und Hinrichtungsinstrumenten runden das Bild von den fruehneuzeitlichen Hexenprozessen ab. Dieser Vitrine haetten angesichts der haeufigen Nachbauten und Faelschungen dieser Instrumente (v. a. des 19. Jahrhunderts) einige wenige Erlaeuterungen gutgetan. [3] Die Sektion der "weltweiten" Hexen in dem letzten Raum legt den Akzent auf die Uebereinstimmung in der Konzeption des Hexenphaenomens in vielen Kulturen, zeigt aber auch an inszenierten Ritualorten einige Unterschiede in den magischen Formen und in der Entstehung des Glaubens auf, z. B. bei dem brasilianischen Candomblé, dem westafrikanischen Voodoo oder dem koreanischen Schamanismus. So passt die Ausstellung von der Konzeption her gaenzlich in ein Voelkerkundemuseum, der andererseits einige historische (lokale und zeitliche) Spezifizierungen sowie aufklaererisch-kritische Impulse statt hermeneutisch-offenen Deutungen nicht geschadet haetten. Als Band 31 der Mitteilungen aus dem Museum fuer Voelkerkunde ist ein Katalog zur Ausstellung fuer "verhexte" 13,13 DM erhaeltlich, der neben den Texten der Ausstellung auch einige Aufsaetze (darunter einige Wiederabdrucke oder Vortraege) zu Hexen in der Geschichte und Hexen im Museum enthaelt. Die Beitraege von Peter Dinzelbacher und Roswitha Rogge (fuer die historische Perspektive) sowie von Claudia Mueller-Ebeling und Christian Raetsch (ueber Hexenkraeuter und Hexensalben) seien besonders zur Lektuere empfohlen. Weitere Infos unter 01805-30 88 88 oder <http://www.voelkerkundemuseum.com> Eintritt: Erwachsene 9 DM, Familien 16 DM, Fuehrungen sonntags 15.00 Uhr [1] Gunnar Heinsohn / Otto Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen, Herbstein 1986; vgl. dazu Guenter Jerouschek: Des Raetsels Loesung? Zur Deutung der Hexenprozesse als staatsterroristische Bevoelkerungspolitik, in: Kritische Justiz 19 (1986), 443-459; Robert Juette: Die Persistenz des Verhuetungswissens in der Volkskultur. Sozial- und medizinhistorische Anmerkungen zur These von der "Vernichtung der weisen Frauen", in: Medizinhistorisches Journal 24, 1989, S. 214-231; Gerd Schwerhoff: Die Erdichtung der weisen Maenner. Gegen falsche Uebersetzungen von Hexenglauben und Hexenprozess, in: Soenke Lorenz / Dieter R. Bauer (Hg.): Hexenverfolgung. Beitraege zur Forschung - unter besonderer Beruecksichtigung des suedwestdeutschen Raumes, Wuerzburg 1995, S. 391-419. [2] Vgl. <http://wwwstud.uni-leipzig.de/~tsantsa/artikel/hexen.html> [3] Vgl. juengst Klaus Graf: Mordgeschichten und Hexenerinnerungen - das boshafte Gedaechtnis auf dem Dorf, in: <http://www.listserv.gmd.de/htbin/wa.exe?A2=ind0107&L=hexenforschung&D=1&Q=D &P=100> (Teil 2) ------------------------------------------------ Copyright (c) 2001 by "Liste Hexenforschung" and "Museum Professionals" all rights reserved. This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the author and the list. For other permission, please contact editor@museumslist.net . If you like to review a exhibiton, book or media on museological topic, please contact: editor@museumslist.net "Museum Professionals" http://www.museumslist.net "Liste Hexenforschung" http://www.listserv.gmd.de/archives/hexenforschung.html
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