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Submitted by: Guenter Bischof
guenter.bischof@mh.sbg.ac.at
Die Geschichtspolitik um die Wehrmachtsausstellung in Salzburg
Guenter Bischof
1946 gingen die Alliierten Maechte 1946 daran, auf der Grundlage des
Kontrollratsgestzes Nr. 10 Hauptkriegsverbrecher zu verurteilen. Nachdem in
Nuernberg die NS-Elite vor den Pranger gestellt wurde, kamen jetzt neben
den Chefs vom Nazi-Aussenministerium, Wirtschaft, Verwaltung, oberster
Justiz und Aerzten in drei dieser zwoelf Nachfolgeprozesse auch die
Kriegsverbrecher aus der Wehrmacht auf die Anklagebank und wurden wegen
ihrer Rolle im Angriffs- und Vernichtungskrieg im Osten und Suedosten
Europas auch verurteilt.
1951 amnestierte der US Hochkommisar John J. McCloy in der BRD die
meisten
der verurteilten Generaele, hielt aber fest: Die in Nuermberg verurteilten
Wehrmachtmaenner standen unter Anklage, Ausschreitungen begangen zu haben,
die alles ueberschritten, was auch nur im entfernstesten mit Gruenden der
militaerischen Sicherheit haette gerechtfertigt werden koennen. Die in
Frage stehenden Personen wurden verurteilt, weil sie unmenschlich brutale
Vergeltungs- und Unterdrueckungsmassnahmen gegen die Zivilbevoelkerung
geleitet oder durchgefuehrt und dabei die Grenzen des internationalen
Rechts und allgemein annerkannter militaerischer Tradition weit
ueberschritten hatten".
In Nuernberg wurden nur die Eliten verureilt. Es war aber damals schon
klar, dass die Wehrmachtsgeneraele zahllose Helfer in den nachfolgenden
Raengen hatten, die an Hitlers Vernichtungskrieg beteiligt waren. Um diese
vielen "normalen Leute" (Ch. Browning), die im Osten und Suedosten zu
Helfershelfer der Vernichtung wurden geht, es in der
"Wehrmachtsausstellung", die die Verbrechen vieler Wehrmachtsangehoeriger
mehr als ein halbes Jahrhundert der Taeterschaft einer breiten
Oeffentlichkeit in Deutschland und Oesterreich vorstellt.
Seid 7. Maerz ist sie nun im Salzburger Standkino zu sehen,
organisiert
vom Verein "Erinnern", der die Wehrmachtsasstellung trotz heftiger
Abwehrfront der Stadt- und Landesvaeter nach Salzburg brachte. In einem
Paradebeispiel einer in Oesterreich funktioniereden Zivilgesellschaft,
wurde die Verweigerung der Politiker mit der Sammlung von unzaehligen
Privatspenden oft kleiner Leute umgangen.
Die Diskussion ueber Sinn und Wert dieser historischen Ausstellung ist
schon seid Wochen in der zu dieser Jahreszeit sonst so gemaechlichen
Salzach-Metropole im Gang. Gespickt mit Bildern des Grauens und
vollgepfropft mit Texten der Erklaerung ueber die Beteiligung von
Wehrmachtsangehoerigen an den Verbrechen des nationalsozialistischen
imperialistischen Gewaltregimes in Weisrussland, der Ukraine und Serbien,
werden auch hier die Gemueter aufgeruettelt und die Diskussion ueber
Pauschalisierungs- und Polarisierungstendenzen wollen kein Ende nehmen, wie
dies schon an den vorhergehenden fuenf Austellungsorten in Oestereich der
Fall war. Am ersten Wochenende herrschte grosser Andrang, 1,500 Leute
kamen, die juengere Generation war in der Ueberzahl. Insgesamt sahen in den
letzten drei Jahren in Deutschland und Oesterreich schon beinahe eine halbe
Million Menschen diese Ausstellung. Sie ist bereits zu einem Wendepunkt des
Erinnerungsgeschehen und in der Erinnerungspolitik zum Zweiten Weltkrieg
geworden.
In Salzburg ist die Sache in der Tat hochpolitisch. weil der
Landeshauptmann Dr. Franz Schausberger, seines Zeichen auch habilitierter
Historiker (zur Miltaergeschichte des Zweiten Weltkrieg hat er sich
allerdings nie einschlaegig ausgewiesen), seine Rollen als Historiker und
OeVP-Politiker vermischt und mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit auf
Stimmenfang im FPOe Lager geht. Ausgerechnet in der in Sachen
Wehrmachtsausstellung vorbelasteten "Kronen Zeitung" und im Blatt des
Salzburger Kameradschaftsbundes (puenktlich zur Wehrmachtsausstellung
gratis in 82,000 Salzburger Haushalte verteilt) geriert er sich als
Beschuetzer der Kriegsgeneration.
Er pauschalisiert die Werhmacht werde "insgesamt als 'verbrecherische
Organisation'" , und die "Grossvaeter allesamt als Moerder und Verbrecher"
dargestellt. Weder ernstafte Zeithistoriker noch
Wehrmachtsasstellungsmacher machen solche Pauschalisierung, lediglich der
Kameradschaftsbund und die populistischen Politiker. Er attackiert zudem
das Fehlen des historischen Kontexts in der Ausstellung (etwa die
Grausamkeiten der Partisanen auf der Gegenseite) und auch dass 90 Prozent
der gezeigten Bilder aus gefaelschten Bestaenden stalinischer
Greuelpropaganda kaemen. Zudem suggeriert er, die Austtellung koennte
sogar "gewinnorientiert" sein.
Bei der Diskussionsveranstaltung auf der Universitaet Salzburg, in der Dr.
Walter Manoschek von der Universitaet Wien, der oesterreichische
Koordinator der Ausstellung, diese quellenkritischen Anschuldigungen als
untergriffig und unrichtig enltarvt, zeigte der wortgewatige
Landeshaeuptling dann aber keine Dialogbereitschaft mt seinen Kollegen aus
der Wissenschaft. Unterdessen werden in der hiesigen Historikerkreisen
Stimmen laut, dass mit seinen fingierten Stalinismusvorwuerfen, der Herr
Dozent sich selbst entlarvt hat, indem er Streifzuege in laengst
antiquierte.antikommunistischen Feindbilder des Kalten Krieg macht, die der
Zunft keine Ehre machen.
Gaenzlich kakanisch wird es dann mit der Gegenausstellung des
Kameradschaftsbundes in der Saeulenhalle des Salzburger Rathauses (vom OeVP
Buergermeister frei zur Verfuegung gestellt), fuer die ein obskurer vom
Kameradschaftsbund vorgeschobener Verein mit dem anspruchsvollen
Titel "Arbeitskreis fuer Kultur und objektive Geschichtsschreibung"
zeichnet. Unter dem Ehrenschutz eines FPOe Stadtrates wird der gemalte
Bilderzyklus "'Die im Dunkeln sieht man nicht': Kriegsgefangenschaft
in Russland 1945-1953" von Walter Gross gezeigt, Bilder die als
repraesentativ fuer die Leidensgeschichte der deutschen Kriegsgefangenen in
der Sowjetunion stehen. Ohne Zweifel, diese Gemaelde sind fuer den
Betrarchter ergreifend und stimmen traurig. Stehen bei der
Wehrmachstausstellung deutsche Landser als Taeter im Mittelpunkt, wir hier
das in Oesterreich so traditionelle Bild der Soldaten als Opfer hochgehalten.
Hier ist vieleicht auch ein letztes Aufbaeumen des offziellen
oesterreichischen Opfermythos zu orten, der alle Oesterreicher seid
Kriegsende grosszuegigst ins Opferkollektiv eingeschlossen hat und die
exklusive Taeterschaft nationalsozialistischer Verbrechen (gleich der DDR)
in die Bundesrepublik externalisierte. In einschlaegigen Fachliteratur ist
diese Opferthese laengst als Geschichtsluege dekonstruiert worden.
Die Veranstalter der Werhmachtsausstellung werden auf dem "Kronen
Zeitungsniveau" immer wieder als "Maoisten" und "Stalinisten" verteufelt,
und der fehlende historischer Kontext eingemahnt. Bei der Gegenausstellung
ist der fehlende Kontext offensichtlich kein Problem. Keine Rede davon,
dass die Wehrmacht sich im Laufe des Zweiten Weltkrieges am Tod von 3,3
Millionen Kriegsgefangener der Roten Armee mitschuldig machte.
Im Lebenslauf des Walther Gross im Blatt der Kameradschaftsbundes ist die
Rede von seinem Aufwachsen in deutschnationalen Haushalt, von seiner
Kriegsgefangschaft in Russland, und von seinem Wirken im Bundesheer ab
1957. Man findet es allerdings nicht der Rede wert zu erwaehnen, dass er
1940 freiwillig der SS beitrat und es zum Obersturmfuehrer in der 1. SS
Panzerdivision mit dem klingenden Namen "Leibstandarte SS - Adolf Hitler"
brachte. Simon Wiesenthal hat in einem Brief Kanzler Klima (vgl. "News"
dieser Woche) daran erinnert, dass diese SS Division u.a. in der
Ardennenoffensive in Dezember 1944 im belgischen Malmedy beteiligt war, und
u.a. 86 amerikanischen Kriegsgefangene kaltbluetig ermordet hat (fuer die
im Dachauer Malmedy-Prozess dann auch 43 Angeklagte zum Tode verurteilt und
12 tatsaechlich hingerichtet wurden). Es waere auch zu fragen, wie es Gross
mit einer solchen Vergangenheit bis zum Brigadier beim oesterreichischen
Bundesheer bringen konnte.
In der Zelebrierung des Opfers Gross wird also in der "objektiven"
Gegenausstellung Entscheidende Passagen aus der Biographie des Soldaten
Gross unteschlagen, dass fatal an die weissen Flecken in der Waldheim
Biographie erinnert, von denen man offensichtlich nichts gelernt hat. Bei
einem Besuch der Gross-Ausstellung waren wenige Besucher da und der
freundliche Herr am Eingangstisch gab sich als vormaliger Waffen- SS'ler
und "Glasenbacher" zu erkennen.
Zudem waere zu fragen, ob Erinnerungsbilder, die Gross seit den 1980iger
Jahren malte -nicht etwa sofort nach der Heimkehr-- authentischere
historische Dokumente sein sollen als die Photos der Wehrmachtsausstellung,
die nicht ausschliesslich aus sowjetischen Archiven stammen, sondern oft
von den Soldaten der Wehrmacht als Erinnerungsstuecke selbst "vor Ort"
gemacht wurden.
In einem vollen Hoersaal der Universitaet zeigten sich die Studenten sehr
diskussionsfreudig zur Salzburger Ausstellungsschlacht. Zwei Zuhoerern, die
sich als Wehrmachssoldaten aber Nichtmitglieder des Kameradschaftsbundes
zu erkennen gaben, wurde der waermste Applaus des Abends zuteil. Der
renommierte Salzburger Historiker Ernst Hanisch attakierte die
Dialogsverweigerung fuer das Rahmenprogramm der Ausstellung von Seiten des
Kameradschaftsbundes als undemokratisch und "feige"und erinnerte daran dass
die zahlreichen Verbrechen vonWehrmachtsangehoerigen von der
Fachwissenschaft schon seid gut 20 Jahren akribisch aufgezeichnet wurden.
Erst die Popularisierung dieser Thesen durch die Werhmachtsausstellung
fuehrte zu den heute stattfinden Diskussionen, die mindestens um eine
Generation zu spaet kommen.
Ganz anders als die emotional gefuehrte oeffentliche Debatte der
Geschichtspolitiker, war die zweieinhalbstuendige Diskussion auf der
Unviersitaet von erstaunlicher Sachlichkeit gekennzeichnet. Im Publikum
sassen auch Psychologen die immer wieder auf die Notwendigkeit der offenen
Diskussion vor allem mit der jungen Generation hinwiesen. Denn gerade bei
den "aggressiven Kindern" der 80iger koenne immer wieder Gewaltbereitschaft
festgesellt werden, die auf die unaufgearbeiteten Erfahrungen der
Grossvaeter hinweisen. Trotzdem gibt der Salzburger Landeschurat dem Druck
der Politik nach und gab keine Empfehlung an Schullassen zum Besuch der
Ausstellung ab.
Dr. Guenter Bischof ist Gastprofessor am Institut fuer Geschichte der
Universitaet Salzburg. Er ist Associate Professor of History and der
University of New Orleans, wo er regelmaessige Vorlesungen zur Geschichte
des Zweiten Weltkrieges macht. In zahlreichen Zeitzeugenbefragungen pflegt
er seit Jahren den Dialog mit der Kriegsgeneration. Er ist Mitherausgeber
von "The Pacific War Revisited (1997) und einem Band zur
"Kriegsgefangschaft im Zweiten Weltkrieg: Eine vergleichende Perspektive",
der im Herbst dieses Jahres erscheinen soll.
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