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Submitted by: Klaus Vogel
kvogel@PELAGUS.IT
The following text refers to Andreas Woell's paper on the "Wehrmacht"-
Ausstellung, as it appeared in H-soz-u-kult on febr. 25 Meanwhile, I was
told that Woell's paper has also been published in H-german and that my
reaction, dated febr. 26, could also be of interest for readers of H-german.
Subject: "Ein Trauma schlagen"? Guenther Anders und die"Wehrmacht"-Ausstellung
To: H-NET Liste fuer Sozial- und Kulturgeschichte
<H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU>
Zu Andreas Woell: Was in Muenchen geschieht. Ueberlegungen zu den Protesten
gegen die "Wehrmacht"-Ausstellung des Hamburger Instituts fuer Sozialforschung
(vom 25.2.97)
Ich stimme dem Ausgangspunkt der Analyse von Andreas Woell zu - die
Heftigkeit der Reaktion auf die Wehrmachts-Ausstellung in Muenchen
(ebenso wie zuvor in Bremen, Berlin und anderswo) und die Dummheit der
Agitation ihrer Gegner lassen sich wohl nur damit erklaeren, dass hier
Wirklichkeit verdraengt wird, weil ein sehr wunder Punkt beruehrt wurde
und wird. Doch der abschliessend zitierte Satz von Guenther Anders laesst
mich schaudern: "Da die Ehemaligen mit ihrer Vergangenheit, noch ehe sie
damit auch nur begonnen hatten, bereits fertiggeworden waren, verstehen
wir unter 'Bewaeltigung', dass sie mit ihrer Vergangenheit nun endlich
einmal nicht fertig werden, dass sie sich nun endlich ein Trauma schlagen
oder schlagen lassen. Nicht 'Heilung' heisst die Aufgabe, sondern
'Wunde'".
In den zitierten Ueberlegungen von Anders liegt, wie mir scheint, ein nicht
ungefaehrlicher analytischer Kurzschluss vor, denn er stellt - in der
verstaendlichen Absicht, aufzuruetteln - die Entwicklungslogik von Trauma,
Verdraengung und Gewalt auf den Kopf. Wer seine eigene Wehrmachtszugehoerigkeit
(oder die seines Vaters oder Grossvaters) in besonderer Weise als
traumatisch erfahren hat (und dies duerfte gerade fuer die von Browning,
Goldhagen und anderen geschilderten Taetergruppen gelten), wird am ehesten
zur Verdraengung neigen - zumal wenn ihm, intellektuell und/oder sozial,
subjektiv keine Loesungsmoeglichkeit zur Verfuegung stand oder steht. Das
Trauma aeussert sich in Abwesenheit von Empathie mit der "Gegenseite" und
in der Heftigkeit, mit der die verdraengte ("abgespaltene") Wirklichkeit
verleugnet wird. Unbearbeitete Traumata koennen an die nachfolgende
Generation weitergegeben werden (hierzu: Dan Bar-On, Die Last des Schweigens.
Gespraeche mit Kindern von Nazi-Taetern (The Legacy of Silence. Encounters
with Children of the Third Reich, 1989), Frankfurt 1993). Sie koennen
Ursache fuer neues Gewaltverhalten werden. Dass all diese "Ehemaligen"
(die einem Kritiker durchaus mit verletzender Selbstgerechtigkeit
entgegentreten koennen, beruflich vielleicht durchaus erfolgreich sind)
mit ihrer Vergangenheit "fertiggeworden" sind, mag nach aussen hin so
scheinen. Tatsaechlich tragen sie an der Last des Traumas, viele nehmen
es mit ins Grab.
Wenn es in diesem Zusammenhang also eine Aufgabe gibt, so wuerde sie meines
Erachtens heissen: die selektive Wahrnehmung und "selektive Empathie" der
manchmal so unertraeglich Selbstgerechten mit dem Anspruch zu konfrontieren,
die ganze, komplizierte Wirklichkeit wahrzunehmen und das Leid der jeweils
anderen zu erkennen. Dies bedeutet freilich in der Konsequenz, auch die
Leidensgeschichte der Taeter wahrzunehmen - die, das sei betont, mit der
Leidensgeschichte der Opfer keineswegs symmetrisch ist. Guenther Anders, der
darauf hofft, dass die anderen "sich ein Trauma schlagen oder schlagen
lassen", wuerde sich seinerseits diese Wahrnehmung ersparen. Aus den
Grabenkaempfen der wechselseitig Selbstgerechten fuehrt sein Ansatz nicht
heraus. Michael Frank hat dazu bereits am 11. Dezember 1996 in der
Sueddeutschen Zeitung (S. 4) formuliert: "Menschen, denen tiefes Leid
zugefuegt wurde, haben oft wenig Sinn fuer das gleichgeartete Schicksal
anderer. (...) So tief sitzen Verletzungen aus Krieg und Diktatur, dass
Betroffene verschiedener Nationen einander auch noch den Opfer-Status
neiden, dass man auf das gespenstische Privileg pocht, im allgemeinen
Unglueck selbst der Ungluecklichste gewesen zu sein."
Klaus Vogel
z.Zt. Deutsches Historisches Institut
Via Aurelia Antica, 391
I-00165 Roma
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