|
View the h-german Discussion Logs by month
View the Prior Message in h-german's March 1997 logs by: [date] [author] [thread] View the Next Message in h-german's March 1997 logs by: [date] [author] [thread] Visit the h-german home page.
Submitted by: Hans Kolbe
HansKolbe@AOL.COM
Das Problem der Diskussion besteht fuer mich gerade darin dass beiden
zuzustimmen ist.
a) Klaus Vogel: Zum Verstaendnis der Reaktionen in Muenchen muessen wir "auch
die Leidensgeschichte der Taeter wahrnehmen - die, das sei betont, mit der
Leidensgeschichte der Opfer keineswegs symmetrisch ist.
b) Lammersdorf: Angenommen und akzeptiert, dass ganz offensichtlich fuer die
Mehrzahl der Taeter die Beteiligung an Aussonderung, Erniedrigung, Quaelerei,
und Mord nicht als Trauma empfunden worden ist.
Ich empfinde es als eine wertvolle Diskussion, diese "Leidensgeschichte der
Taeter" genauer zu untersuchen. Einige Gedanken hierzu:
1. Als moralische Menschen hoffen wir, dass Unrecht auf den Taeter selbst
zurueckfaellt, er oder seine Nachkommen durch Gewissenqualen fuer das Unrecht
zahlen muessen. Dies scheint zwar in Einzelfaellen moeglich, als
Kollektivbeschreibung ist es allerdings wohl untauglich. Dennoch ist es
vielleicht wichtig, diese Hoffnung auszusprechen.
2. Das Trauma der Soldaten, nicht fuer Tapferkeit und Opfermut geehrt worden
zu sein, ist wohl Bestandteil der Verletzung des Ego die von Mitscherlich so
gruendlich beschrieben worden ist. Der Wegfall der narzistischen
Begeisterung fuer Hitler und die Nazis ist nicht und konnte vielleicht auch
nicht kollektiv verarbeitet werden. Es handelt sich hierbei doch wohl um ein
wirkliches Trauma - das tiefe Spuren hinterlassen hat und sicherlich auf die
naechste Generation uebertragen wurde. Dh. Du und ich.
3. Fuer Millionen von Deutschen gibt es natuerlich andere kriegsbedingte
Traumas (Krieg, Bomben, Vertreibung, Verwundung) die ja wohl auch nicht
verarbeitet worden sind. Auch die Folgen dieser Verwundungen sind ja auf
die naechste Generation uebertragen worden.
4. Welche Rolle nehmen wir in dieser Diskussion ein ? Welche Perspektive ?
Die der Opferlaender (so Raimund Lammersdorf) ? Von solcher Perspektive ist
eine Ehrung des Opfermutes deutscher Soldaten absurd. Natuerlich kann es
den Opfern egal sein, wie ehrenhaft die Mehrzahl der deutschen Soldaten
gekaempft hat. Aber den Kindern und Enkeln dieser Soldaten auch ? Doch wohl
nicht. Den Historikern und Soziologen doch wohl auch nicht.
5. Welche gegenwartspolitische Funktion nehmen diese Diskussionen ein ? Ist
dies Teil der nationalen Identitaetsfindung ?
6. Jetzt, 50/60 Jahre spaeter, sind die Deutschen vielleicht immer noch auf
Hilfe von Aussen angewiesen um die innere Verarbeitung leisten zu koennen. ?
Die Naziherrschaft wurden von aussen besiegt und auch nach 1945 konnte und
wollten die deutsche Bevoelkerung den Nationalsozialismus wohl nicht in
eigener Regie ueberwinden. Die Allierten Vorbehaltsrechte, Prozesse,
Entnazifierungsverfahren etc. waren wohl notwendig, um ein Wiedererstarken zu
verhindern. Ohne die Beteiligung der USA, Englands, Israels und besonders
auch der juedischen Teilnehmer scheint eine Integration und Akzeptanz
innerhalb Deutschlands immer noch nicht erreichbar.
7. Die Unfaehigkeit der naechsten Generationen in Deutschland, ihre Eltern
und Grosseltern zu akzeptieren, zu ehren, mit ihrem Leiden sich
auseinanderzusetzen, ist vielleicht auch noch eine Folge der Nazizeit. Der
Absolutheitsanspruch jeder Generation, und vor allem auch die Haerte
gegenueber den eigenen Leuten ist doch wohl auch ein essentieller Bestandteil
der Naziideologie.
8. In unseren Dialog-Gruppen nimmt die Frage, wie mit der Psychologie der
Taeterseite umzugehen ist, einen wichtigen Raum ein. Die kalifornische
Perspektive ist sicherlich weitaus mehr auf "spirituelle" Akzeptanz
ausgerichtet als die deutsche (wohl mehr auf "objektive" Richtigkeit und
vielleicht auch Besserwissen). Dennoch glaube dass ein wenig kalifornische
"Einfuehlsamkeit", Akzeptanz, und ein Blick ins innere unserer eigenen
Gefuehle auch in dieser Diskussion nicht Fehl am Platz waere. Ich vermisse
sehr, dass einige der Aktivisten ihre eigene Lebensgeschichte, ihre
Erfahrungen mit Recht, Unrecht, Besserwissen und die ihrer Familien hier
einbringen und denke dass dies zum gegenseitigen Verstaendnis viel beitragen
koennte.
Viele Fragen, wenig Antworten.
Gern zu mehr Diskussion bereit und kann informationen ueber unser Institut
und die International Konferenz Juedisch--Deutscher Dialoggruppen gern zur
Verfuegung stellen.
Hans Kolbe
Institute for Models of Dialogue, Remembrance, and Reconciliation
New College of California
766 Valencia St.
San Francisco, CA 94110
(415) 437-3445
email hanskolbe@aol.com
|