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Submitted by: Raimund Lammersdorf
Raimund.Lammersdorf@phil.tu-chemnitz.de
Subject: "Ein Trauma schlagen?" oder Welches Trauma eigentlich?
Here is my response to Klaus Vogel from H-SOZ-U-KULT.
Die Ueberlegungen von Klaus Vogel zur Verarbeitung bzw. Bewaeltigung von
traumatischen Erlebnissen der Taeter moegen in sich richtig sein, doch
zweifle ich an der impliziten Praemisse: dass die Taten selbst ueberhaupt als
traumatisch weil boese empfunden wurden. Mein Eindruck ist, dass die
Abwesenheit von Empathie mit der "Gegenseite" nicht Ausdruck eines Leidens an
den eigenen verdraengten Untaten ist. Vielmehr ist diese Verachtung anderer
Menschen von den Taetern als etwas Richtiges empfunden worden. Gerade dies
machen die Ausstellung in Muenchen, die Buecher Goldhagens, Brownings und
juengst Stephen G. Fritz, _Frontsoldaten: The German Soldier in World War
II_. Lexington: University Press of Kentucky, 1995, deutlich: der Mord an
"Untermenschen" war nicht Trauma oder widerwillig erfuellter Befehl, sondern
fuer viele Genuss, positives Erlebnis, Bestaetigung der eigenen
Ueberlegenheit als Deutscher, ein Fest maennlicher Staerke verbunden mit dem
Stolz, beteiligt zu sein an dem grossartigen Projekt zur Reinigung der Welt
von Untermenschen. Folgt man Bartov und Fritz, so ist die angeblich mangelnde
Unterstuetzung deutscher Soldaten fuer den Krieg und seine rassistischen
Ziele ein Mythos.
Das Problem fuer die meisten Taeter nach dem Krieg, wenn man so will ihr
Trauma, scheint mir nicht die Verzweiflung ueber angebliches eigenes
moralisches Versagen zu sein, sondern vielmehr die Enttaeuschung darueber,
dass der eigene mutige und opfervolle Beitrag zum kollektiven Projekt des
Krieges nicht auf Dankbarkeit stiess (ein Trost war die Konfrontation des
Westens mit dem Ostblock, die dafuer benutzt werden konnte, den deutschen
Angriffskrieg gegen die Sowjetunion im nachhinein zu rechtfertigten). Die
jahrzehntelange Aufrechterhaltung des Mythos von der anstaendigen Wehrmacht,
lange Zeit sogar der Waffen-SS als kaempfender Truppe, diente zu einem guten
Teil dazu, wenigstens ein bisschen Stolz fuehlen zu koennen, der zwar nie
ganz oeffentlich geaeussert werden konnte, aber als Subtext zentraler
Bestandteil des bundesrepublikanischen oeffentlichen Diskurses darstellte und
immer noch darstellt.
Klingt das zu hart, zu radikal? Es geht noch um einen weiteren Mythos: dass
die Beteiligung am Krieg allein nicht unbedingt ein Verbrechen gewesen sei.
Das wird kaum offen so formuliert, aber das klingt an in den verdrechselten
Ueberlegungen und Diskussionen darueber, wer wann wie schuldig wurde oder
unschuldig blieb. Theo Sommer liefert dafuer wieder ein Beispiel, wenn er
sich bemueht, genau zwischen Taetern und einfachen Soldaten, die ja nur ihre
Pflicht taten, zu differenzieren, dass nicht jeder der 18 oder 19 Mill.
deutscher Soldaten persoenliche Schuld auf sich geladen habe.
Aus der Perspektive der Opferlaender ist es einfach grotesk, im Zusammenhang
mit dem deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg ueberhaupt von soldatischer
Ehre oder Pflichterfuellung zu sprechen, schlimmer noch, gefallene deutsche
Soldaten mit ihren Opfern auf eine Stufe zu stellen, wie es in der Neuen
Wache in Berlin geschieht oder in dem Michael Frank Zitat aus der SZ. Es kann
den Opfern herzlich egal sein, wie ehrenhaft die Mehrzahl deutscher Soldaten
gekaempft hat: es aendert nichts daran, dass Deutschland nur mit deren
Beteiligung einen grossen Teil Europas erobern konnte. Ohne die vorgeblich
exkulpierende Pflichterfuellung der einfachen Soldaten waeren die deutschen
Morde nicht moeglich gewesen. Im Zusammenhang mit der deutschen Aggression
vom Anstand deutscher Soldaten zu sprechen ist eine Perversion des Denkens,
die zur Normalitaet in der deutschen politischen Kultur geworden ist.
Dies festzustellen, heisst nicht, von gleichmacherischer Kollektivschuld zu
reden. Natuerlich muss genau differenziert werden zwischen verschiedenen
Stufen von Verantwortung und Schuld, muss die diktatorische Gesamtsituation
mit einbezogen werden bei der Bewertung des Verhaltens Deutscher. Aber
umgekehrt darf fuer die Soldaten der Wehrmacht, fuer alle Deutschen, die in
der einen oder anderen Form den Krieg unterstuetzten, nicht von kollektiver
Unschuld ausgegangen werden und vor allem nicht davon, dass eigentlich alle
dagegen gewesen seien.
RL
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Raimund Lammersdorf rlammers@fas.harvard.edu
Center for European Studies 27 Kirkland St., Cambridge, MA 02138
Harvard University (617) 495 -43 03, ext.235, fax: -85
09
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