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H-Soz-u-Kult@h-net.msu.edu
-ed.
From:woell@berlin.snafu.de (Andreas Woell)
Andreas Woell
Was in Muenchen geschieht
Ueberlegungen zu den Protesten gegen die "Wehrmacht-Ausstellung des
Hamburger Institut fuer Sozialforschung
In einer Kritik der landlaeufigen Rede, die Deutschen haetten nach dem
Zweiten Weltkrieg ihre Vergangenheit erfolgreich "verdraengt", hat Guenther
Anders darauf aufmerksam gemacht, dass ein solcher psychischer Prozess bei
den meisten Deutschen gar nicht habe stattfinden brauchen, weil man sich
schon zu Zeiten des Nazi-Regimes erfolgreich geweigert habe, die Realitaet
der Verbrechen wahrzunehmen (Anders, "Nach Holocaust", 1985, 186). Nach dem
Krieg habe man diese Weigerung u.a. deshalb aufrechterhalten koennen, weil
man auf den Flugblaettern und in den Filmen der Alliierten "immer nur die
Ergebnisse der Verbrechen, also die Leichenberge, gezeigt hatte (und nichts
anderes hatte zeigen koennen), aber nicht die Verbrecher in actu, und nicht
die Opfer in actu, richtiger 'in passione', ihres 'Behandeltwerdens';" (187).
Es ist dieser Hinweis von Anders, der uns etwas ueber die Wirkungen erklaeren
kann, die die in Muenchen angelangte Ausstellung des Hamburger Instituts fuer
Sozialforschung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944"
ausgeloest hat.
Erstaunlich an den wuetenden Protesten weiter CSU-Kreise im allgemeinen und
des Lokalmatadors Gauweiler im besonderen ist ja nicht deren unverhohlener
Interessencharakter bzw. die Koketterie mit rechtsextremen Positionen.
Erstaunlich ist vielmehr, mit welcher Dummheit die Agitation vollzogen wird.
Da ist zum einen der staendig wiederholte Vorwurf, die Ausstellungsmacher
wollten mit der Publikation von Photographien und Dokumenten die Deutschen
insgesamt diffamieren ("moralischer Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche
Volk"). Da ist zum anderen die daran auf kuriose Weise angeschlossene
Behauptung, bei den Photographien handele es sich um Faelschungen.
Jeder Besucher der Ausstellung und jeder Leser des dazugehoerigen Kataloges
kann den Vorwurf einer kollektiv gerichteten Diffamierungsabsicht leicht ad
absurdum fuehren. Von "den Deutschen" ist nirgendwo die Rede. Thema ist eine
praezise benannte Organisation und deren Angehoerige. Diese sieht sich
allerdings mit massiven Anschuldigungen und diesbezueglich mit nicht minder
eindrucksvollem Beweismaterial konfrontiert. Die Echtheit dieses Materials
ein ums andere Mal in Frage zu stellen, mag in einem bestimmten politischen
Kalkuel sinnvoll erscheinen - serioes sind solche Behauptungen nicht. Das
Material jedenfalls hat bisher noch alle fachlichen bzw. gutachterlichen
Pruefungen bestanden.
Wenn man sich einmal nicht nach der politischen Akzeptabilitaet des Protests
fragt, sondern danach, wie sich die Dummheit der Agitation erklaeren laesst,
dann rueckt der von Anders deutlich gemachte Zusammenhang noch einmal in den
Vordergrund.
Die Wehrmacht-Ausstellung erspart niemandem den Blick auf die Taeter und auf
ihr Tun. Selbst wer sich intensiv mit der Geschichte des
nationalsozialistischen Deutschland befasst hat, wer um die Verbrechen des
Regimes, um die weitreichende Beteiligung an diesen Verbrechen durch
Funktionseliten und um die noch weitreichendere Billigung dieser Verbrechen
durch die Bevoelkerung weiss, wird von vielen hier veroeffentlichten Bildern
beschaemt sein. Das gilt - wenn man denn noch unterscheiden will - besonders
fuer die Photographien, die die obszoene Hinrichtung von Einheimischen in den
Staedten dokumentieren (Katalog S. 98 f.) oder fuer die Bilder von den
Massenexekutionen.
Insofern MUSS die Ausstellung Affekte ausloesen. Sie ueberfuehrt abstraktes
Wissen in emotional schwer auszuhaltende Konkretion. Sie macht es damit
unmoeglich, das Thema einfach beiseite zu wischen bzw. nicht Stellung zu
beziehen. Es werden auch diejenigen zu einer Reaktion gezwungen, die sich mit
dem Nationalsozialismus am liebsten nicht mehr auseinandersetzen wuerden.
Gauweiler selbst macht diesen Sachverhalt offenbar, indem er unablaessig
behauptet, das Material sei gefaelscht. Er selbst weiss also um die
ungeheuerliche Dimension dieser Photographien. Weil die Wirklichkeit so
grauenhaft gewesen ist, muss sie in eine Faelschung "umgelogen" werden. Die
Tiraden deuten auf die mit dem eigenen Ich nicht kommunizierbare Einsicht,
dass die Ausstellung einen Nerv beruehrt und dass darueber nicht
oberflaechlich hinweggegangen werden kann.
Guenther Anders hat seine Ueberlegungen zum Verdraengungsbegriff im eingangs
genannten Essay um einen Gedanken erweitert. Vor dem Hintergrund naemlich,
dass viele Deutsche sich erfolgeich haetten weigern koennen, die Realitaet
der Verbrechen wahrzunehmen, muesse auch der Sinngehalt der Rede von der
"Bewaeltigung" der Vergangenheit eine Veraenderung erfahren: "Da die
Ehemaligen mit ihrer Vergangenheit, noch ehe sie damit auch nur begonnen
hatten, bereits fertiggeworden waren, verstehen wir unter 'Bewaeltigung',
dass sie mit ihrer Vergangenheit nun endlich einmal nicht fertig werden, dass
sie sich nun endlich ein Trauma schlagen oder schlagen lassen. Nicht
'Heilung' heisst die Aufgabe, sondern 'Wunde'".
Mit Gauweiler und der CSU ist der bundesdeutsche Vergangenheitsdiskurs in
eine Dimension eingetreten, die vollkommen neue Perspektiven eroeffnet.
Andreas Woell
Schillerpromenade 10
12049 Berlin
Tel.: 030/622 69 69
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