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CFP LITERATUR UND INSTITUTION Internationale Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin, 17.-19. Juni 2010 Der Problemkomplex "Institutionalisierung der Literatur" greift denkbar vielfältige Bezüge des Literarischen auf - angefangen bei seiner heute mehr denn je rätselhaften Bestimmung. Nicht zufällig kam diese Fragestellung nach der Problematisierung formalistisch-strukturalistischer Modelle der Literarizität in den 70-80er Jahren auf. Dass die institutionellen Bezüge der Literatur wichtig werden, steht allgemein verstanden mit den Ambivalenzen des Status, der dem Literarischen zugeschrieben wird, in engstem Zusammenhang. Diese institutionelle Dimension lässt sich jeweils nach ihren referentiellen, kulturtechnischen und performativen Aspekten auffächern, die in Komplexen der Archivierung, des Bewahrens, Wiederholens und Reproduzierens von Literatur und ihrer Interpretation ins Spiel gebracht werden. Dabei ist vor allem der Vorschlag zu bedenken, der in der Dekonstruktion geltend gemacht wurde (Derrida, Samuel Weber, Peggy Kamuf), laut dem man die Institutionalität aus ihrer Rolle als "Außen" befreien sollte, die dem "Innen", genannt Literatur, gegenüberstehen oder als deren Rahmen fungieren würde. "Kunst als Institution" (Bürger), aber auch die Theorie des "literarischen Feldes" (Bourdieu) zeichnen gewissermaßen die selbstinstitutionalisierenden Züge ihres Gegenstandes nach oder verbleiben letztendlich in einer Sichtung der - selbstverständlich immer schon institutionalisierten - Einstellungsformen und Dispositive der ästhetischen Produktion und Rezeption. Dies wird aber möglich, da sie die Dimension der Interpretation ausklammern oder depotenzieren, die jedoch im Zuge der Herausforderung des Textes institutionelle Rahmenbedingungen zu überborden in der Lage sein kann und nicht nur als Kompetenzbereich oder als Pragmatik von vorgängigen ästhetischen Konstruktionsparadigmen gilt. Die konstativen Modi der Begegnung mit der Problematik - z.B. Kanontheorien, das Konzept der "Interpretationsgemeinschaften", aber auch diskursiver Machtpraktiken -, überhaupt die Denkfigur der Institution als Konvention oder Pragmatik sollten von dem performativen Transgressionspotential des Literarischen, seiner Singularität, von seinem nicht-institutionalisierbaren Überschuss oder Fehlen (einer ihm zugehörigen Substanz) her neu verortet werden. Davon, dass die Literatur sich selbst in ihrer Sprachbewegung institutiert und diese Etablierung zugleich überschreitet, zeugen die vielfältigen Metaphern und Motive, die von den Texten als ihre Selbstpräsentationsfiguren eingesetzt werden (von der Turmgesellschaft bei Goethe bis zur Bibliothek von Babel von Borges). Um eine Archäologie der literarischen Kommunikation zu umreißen, vor allem aber systematisch mit der Selbstinstitutionalisierung der Literatur in Lektüre, Interpretation, Kulturtechnik und performativen Gründungsprozessen Ernst zu machen, genügt es freilich auch nicht, nur Metaphorologie zu betreiben. Vielmehr müssen die (selbst)institutionalisierenden Dispositive und Effekte der Texte in ihren performativen, medialen und interpretativen Praktiken und Beständen aufgesucht und inszeniert werden. Die (de)institutionalisierende Kraft der Textualität gilt es im Zusammenspiel ihrer kommunikativen wie "nicht-hermeneutischen" Momente zu erschließen. "This strange institution called literature" (Derrida) kann von der sich selbst spaltenden, nicht-identischen, von Differenzen markierten Singularität im/des Literarischen nicht getrennt werden. Die (Selbst)institutionalisierung tritt somit in eine spannungsvolle Korrelation mit der Dynamik der Singularisierung der Texte. Der Text selbst als Institution wäre dann eine Art Archiv des Ereignisses - sowohl seine Spur als auch seine Institution, in einem unzerlegbaren Chiasmus vor bzw. nach dem Ereignis als Chance des Nicht-Institutionalisierbaren. Diese Fragen und Probleme ziehen womöglich, wenn auch oft unterschwellig, in alle der folgenden thematischen Punkte ein: 1. Öffentlichkeit - Die Problematik des Wissens bzw. des Nicht-Wissens, der Konflikt Öffentlichkeit vs. Geheimnis, Transparenz vs. Verborgenheit, demokratische vs. geheime Gesellschaft und ihrer medialen Präsentation. Das Phänomen der ästhetischen Exemplarität und der Mitteilbarkeit (Kant), wo das Teilnehmungsgefühl (und die mit ihm verbundene Geselligkeit) in Bezug auf das Einzigartige in Partizipation, Partialität und Mitteilung aufgefächert wird. 2. Rechtlichkeit - Die quasi-juridischen Tendenzen und Bezugnahmen der Texte auf Autoritäten, wie das Gesetz, das (kanonische wie kanonisierende) Recht und vergleichbare Normen; die ihnen zuzuordnende Verantwortung und deren Verhältnis. 3. Performativität - Momente der Stiftung oder Einrichtung quasi-institutioneller Größen, Akteure oder Rahmen; Eidleistung und Institutionalisierung (Schwur, Vertrauen, Meineid, Zeugnis, Gegenzeichnung); Ritual als Installierung und Vollzugsinstanz bestimmter Gemeinschaften und diskursiver Wissens- und Machtdispositive; Performanz als Ausübung vorgängiger Kompetenzen in Spannung mit der unpersönlichen, kontingenten, gar maschinenartigen textuellen Performativität. 4. Temporalität - Genealogien der textuellen Produktivität; Prozesse der (Selbst)institutionalisierung der Texte in ihrer Durchkreuzung von materiellen Inskriptionen der Geschichte her; das Verhältnis von Institution und Ereignis. 5. Institution "Universität" - Archäologie bestimmter universitätsbedingter Bildungskonzepte bzw. -ideen und ihrer Beziehung zu den Humanwissenschaften; die Universität als Ort der "Theorie" und der Status der Literatur(wissenschaft) in diesem institutionellen Feld. Die Reise- und Unterkunftskosten der ReferentInnen werden zurückerstattet, die Veröffentlichung der Tagungsbeiträge wird geplant. Organisator und Kontaktperson: Prof. Dr. Csongor Lõrincz, Seminar für Hungarologie (Email: csongor.loerincz@staff.hu-berlin.de) Bewerbungsschluss: 15.01.2010 ___________________________________________________________________ H-GERMANISTIK Netzwerk für literaturwissenschaftlichen Wissenstransfer Humanities-Network for German Literature and Philology mail: redaktion@h-germanistik.de www: http://www.h-germanistik.de Beiträge / contributions: www.germanistik-im-netz.de/h-germanistik ___________________________________________________________________
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