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[Ed. note: three contributions follow.] From: Scott Williams <scottw@tcu.edu> Re: Boettcher on the World Cup in Wolfenbüttel Date: Friday, June 30, 2006 Considering the US Congress just failed by only one vote to pass a constitutional amendment criminalizing the desecration (what ever the heck that may mean) of the US flag, I am hardly worried about the exuberance of German soccer fans. In any case, the larger question here is the role of sports in constructing a sense of nationalism. For the sake of comparison, one might take the first World Cup victory by a post-45 German team. The 1954 victory over Hungary in Switzerland was perhaps the first time after the war that Germans could unabashedly be enthusiastically "proud" of being German. The novella by Friedrich Christian Delius, _Der Sonntag an dem ich Weltmeister wurde_ (translated in Continuum Press's German Library series number 88, Three Contemporary German Novellas) portrays a young boy listening to the game on the radio in his father's study. It is a coming of age story not just for the boy. Scott G. Williams Dept. of Modern Languages and Literatures Texas Christian University From: Julie Hoffmann <jhofmann@highline.edu> Re: Boettcher on the World Cup in Wolfenbüttel Date: Friday, June 30, 2006 Maybe it's just me, but ... It's the World Cup. Have you not seen the other supporters? Look at the Dutch, for example! Look at the English (the normal, vast majority of the supporters, not the hooligans/BNP members who are trying to hijack the atmosphere). More to the point, it's in Germany. Klinsmann has put together a decent team, so there's a possibility that the Germans will do well without resorting to their usual tactic of playing a tedious defensive game and waiting for a penalty shootout (no, I don't support the German team). If you were to go to any halfway important Bundesliga match, you would see the same type of thing on a local scale. Think back to France in 1998 -- very similar stuff. I'm not saying there isn't a resurgence of ugly nationalism in Germany. I'm not saying some people aren't taking advantage of the flag waving to push it. But it's football. It's the WC. This is pretty normal. JAH From: "Menz, Georg" <Georg.Menz@IUE.it> Re: Boettcher on the World Cup in Wolfenbüttel Date: Friday, June 30, 2006 "Die Fahne hoch.." Auch mir seien ein paar kurze Anmerkungen zur Fahnendebatte gestattet. Ein Wort des Dankes zunaechst an Susan, die, wie ich meine, ein paar sehr gute Fragen aufgeworfen hat, die ja auch durchaus kontrovers (oder duemmlich, siehe z.B. im Spiegel <http:// service.spiegel.de/cache/international/0,1518,424373,00.html>) derzeit in der deutschen Presse diskutiert werden - und das wohl nicht nur aufgrund des Sommerloches. Ich muss gestehen, dass man sich nur schwierig mit einigen der hier zum Ausdruck gebrachten Aussagen anfreunden kann. Denn einerseits bedeutet ein Flaggenmeer zur Fussball-WM keineswegs den Einbruch des 4. Reiches, andererseits sind die beschwichtigenden Worte vieler der deutschen Kollegen moeglicherweise ebenso insofern verfehlt, als dass sich an der Welle der nationalen Betrunkenheit eben doch eine qualitative Veraenderung des Nationalgefuehls ablesen laesst. Aehnliche Ausbrueche waren in der Vergangenheit eher selten - der Vergleich zur WM in der BRD 1974 macht es wohl am deutlichsten. Da moegen durchaus demographische Faktoren eine Rolle spielen; eine junge Generation macht sich auf den Strassen bemerkbar, die eben nicht mehr durch die politisch eingefaerbten Jugendsubkulturen der 80er Jahre gepraegt ist, sondern vielmehr der apolitisch nur noch auf Konsum und gradem Funktionieren ausgerichteten Technokultur der 90er. Und bevor man sich versieht, entstehen Lieder wie "We are Germans" und werden ironiefrei konsumiert. Nebenbei bemerkt war ja der im o.e. Spiegel-Artikel erwaehnte Slogan der deutschen Politpunkgruppe Slime "Deutschland muss sterben, damit wir leben muessen" fast genauso idiotisch wie das teutsch-nationale Original aus dem 1. Weltkrieg: "Deutschland wird leben, auch wenn wir sterben muessen." Wieso muss immer erst ueberhaupt irgendetwas sterben, damit gelebt werden kann, wie ein Berliner Freund mich richtig fragte? Und insofern ist dann damit der Technobewegung wieder etwas Positives abzugewinnen, die ja eben dem Leben und Ausleben breitesten Raum einraeumte, wenn auch unter voellig apolitischen Vorzeichen. Das fuehrt uns aber zu einer postmodernen Feierkultur, in der eben "ironisch" und "symbolfrei" eigentlich jedes Symbol - vom Hakenkreuz vielleicht doch noch abgesehen - gezeigt, getragen oder in Haare eingefaerbt werden kann. Die beruechtigsten Techno-Clubs im Berlin der neunziger Jahre waren vielleicht nicht zufaelllig in historisch auesserst "vorbelasteten" Gebaeuden untergebracht und spielten ja auch bewusst mit dem Erbe des Dritten Reiches schon im Namen: "Bunker", "Tresor". Am ehesten zutreffend sind die Kommentare, die die sogenannte "Normalisierung" ansprechen. Hier gilt es uebrigens auf die Rolle der rot-gruenen Regierung hinzuweisen, die beispielsweise in der Aussenpolitik die bis dahin geltende Selbstbeschraenkung bewusst aufgab und das in eklatanter Form der Geschichtsklittung auch noch mit dem Verweis auf das Erbe des 3.Reiches tat. Auschwitz wurde fortan von Fischer skrupellos instrumentalisiert, gerade um "nach Srebenica" einen Vorwand zum Angriff auf Restjugoslawien ins Feld fuehren zu koennen. Doch wer so vorschnell die zumindest teilweise freiwillige Selbstbeschraenkung aufgibt und somit einer Praezedenzfallinterpretation Tor und Tuer oeffnet - daher ja auch: deutsche Truppen im Kongo, am Hindukusch usw. - der kann nicht von sich behaupten, einem selbst-bewusst-en Nationalgefuehl Vorschub geleistet zu haben, eher schon einem besinnunglosen. Eine direkte Auswirkung laesst sich natuerlich schwer nachweisen, wirft der Sozialwissenschaftler ein, aber dass Regierungspolitik eben doch nationale Werte und Einstellungen einfaerbt, laesst sich ohne Zweifel behaupten. Bereits angesprochen, aber doch einer Wiederholung wert ist der eigenartige Zustand, dass die amerikanischen Beobachter zuweilen ein Phaenomen prognostizieren, dass wohl den Balken im eigenen Auge geflissentlich ignoriert. Damit meine ich nicht den Umstand, dass jede Tankstelle in den USA Tag und Nacht beflaggt ist. Oder in den Vorstaedten der unteren Mittelschicht sich suspekt macht, wer den eigenen Vorgarten nicht mit einer Fahne versieht. Auch ist es ja oft und gerade die Beobachtungsgabe der aussenstehenden Beobachter, die unterschwellige Veranederungen am ehesten aufdecken. Nein, vielmehr kann ich wenig mit der Beobachtung einger amerikanischer Kollegen anfangen, die sogleich die Anfaenge eines neuen Faschismus ausmachen wollen. Die Frage muss gestattet sein, in welchem Land der Welt sich am ehesten seit 2000 erschreckende Parallelen zum europaeischen Faschismus der 30er Jahre abzeichnen. Und apropos zweierlei Massstab und Mut zur Komparistik: Ich schreibe diese Zeilen in einem Land, das erst vor wenigen Wochen und auch nur mit hauchduenner Mehrheit sich von einer Regierungskoalition verabschiedet hat, die sogenannte Postfaschisten (was mag das nur sein?) ebenso beinhaltete wie offen Fremdenfeindliche. Dass ein Berlusconi vor offenen Kameras die ehemalige Parlamentsabgeordnete Alessandra Mussolini abherzte, dass im italienischen Fussball die Spieler des Lazio Rom ihre Anhaenger mit dem Faschistengruss honorieren oder lieber gleich ihre Mussolini-Taetowierungen den Zuschauern praesentieren, dass die Ueberfaelle auf Auslaender ebenso zunehmen wie die Hakenkreuzschmierereien, das alles mag vielleicht die italienische Linke stoeren, die sogenannte "liberale" US- amerikanische New York Times-Leserschaft aber offensichtlich weit weniger. Vielleicht ein paar sinnvole Denkanstoesse... Georg Menz, Florenz/ London European University Institute Department of Politics, Goldsmiths College, University of London
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